





HERZBERG. Manchmal kommt alles zusammen. Eine dichte, anstrengende Woche. Dazu Termine am Samstag, eine Klausurtagung, und die Nachbesprechung eines Buchprojekts am Sonntag. Schon am Freitagnachmittag fehlt mir die Puste. Im Radio höre ich die vertraute Stimme meiner Studienfreundin Ellen Schweda. Sie ist MDR-Kultur-Moderatorin. „Ist der amerikanische Präsident noch bei Sinnen?“, trägt sie eine Schlagzeile in der Presseschau vor. Höflich-sanft und korrekt, wie ich es so sehr an ihr mag. Ich schüttele mich trotzdem: Denn eigentlich müsste man diese Frage so laut hinausschreien, dass sie von Herzberg über Leipzig bis nach Washington und Mar-a-Largo erdbebenartig schallt.
Parallel zur völlig chaotischen Weltlage platzt mein Herzensprojekt über Herzbergs Dalí, den Grafiker und Surrealisten Lothar Klunker, der zehn Jahre lang sein Haus in der Feldstraße nicht mehr verließ und stattdessen malte. Die druckfertige 80-Seiten-Werkschau über seine Kunst und eine mögliche Ausstellung im Bürgerzentrum sind Geschichte. Seit Oktober hüpfte ich von einem Zeh auf den anderen, wenn ich von Klunker erzählen konnte und offene Ohren fand. Ich schrieb ganz viel. Auch das Klunker-Kabinett, ein Theaterstück für uns ScHerzberger, in dem er auferstehen darf.
Ganz viel Vorfreude darauf und zugleich nun fette, brennende Schürfwunden nach der Bauchlandung bei der Veröffentlichung und der Ausstellung. Der wirtschaftliche Schaden ist wie ein Schlag in die Magengrube, doch das nun zerstörte Vertrauen tut viel mehr weh und wird echte Narben hinterlassen.
HERZBERG. Dieses Mal haben sie sich nichts ausgedacht. Kein Kleinstadt-Wahnsinn, kein Herzberger Hirngespinst. Der Stoff kam einfach. Er fand die Schreiberin während der professionellen Zahnreinigung auf dem Behandlungsstuhl und bestand feierlich darauf, erzählt zu werden.
Und so geschieht etwas, das es bislang auf dieser Bühne nicht gab: Die Wahrheit tritt auf. Und dafür wird ihr in Herzberg sofort der Prozess gemacht.
Schuld ist ein toter Maler namens Lothar Klunker (Christian Poser), der sich weigert, vor der Stasi zu buckeln. Dazu ein amerikanischer Lügenpräsident, der in das Silicon Valley EE investiert. Ein Panikrocker im Wasserturm. Eine Kuratorin aus New York, die plötzlich Herzberg entdeckt. Und mittendrin: das Dreigestirn des Herzberger Mittelmaßes – Ines Medenwald, Reinhard Straach und Steffi Kammer. Denn, wenn die Welt keine Helden mehr hervorbringt, muss eben der Ausschuss Wunder wirken. Fleischgewordener Fachkräftemangel als letzte Hoffnung. Für Herzberg.

Dreißig Jahre Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft. Das ist kein Festakt. Das ist eine Verwandlung.
Wo einst Panzer rollten und Munition im Boden lag, wächst heute wieder Heide. Wo Schüsse fielen, ruft das Käuzchen. Und an der Schwarzen Elster taucht der Fischotter auf, leise, selbstverständlich, lebendig.
Diese Rede erzählt von Mut statt Resignation. Von Menschen, die sich gegen das Schnelle, Laute entschieden und für Zukunft. Ein Wunschkind ist daraus geworden. Ein Zukunftslabor.
Eine Liebeserklärung an Elbe-Elster. Und ein klarer Satz: Zukunft passiert nicht. Wir machen sie.



Seit anderthalb Jahrhunderten steht die Freiwillige Feuerwehr Herzberg für Verlässlichkeit, Mut und Gemeinschaft. Ob bei Hochwasser an der Schwarzen Elster, in stürmischen Nächten oder bei Bränden und Unfällen: Generationen von Kameradinnen und Kameraden haben Verantwortung übernommen – oft im Verborgenen, immer mit ganzer Kraft.
Das Jubiläum wurde im Oktober 2025 würdig gefeiert – mit einem beeindruckenden Festwochenende, das Herzberg nicht so schnell vergessen wird.
Ein herzlicher Dank gilt allen, die auf, vor und hinter den Bühnen dazu beigetragen haben.
Sophie Eisenmann und Stefan Kaatz haben diese besonderen Tage mit wachem Blick und viel Gespür für Atmosphäre begleitet.

Es gibt Menschen, die tragen eine Stille in sich, die man nicht sofort versteht. Anna Pietishova ist so ein Mensch. Wenn sie spricht, hört man etwas zwischen den Worten: Verlust, Mut, Trotz – und einen Willen, der stärker ist als alles, was sie erlebt hat.
Sie kam aus der Zwei-Millionen-Stadt Charkiw ins überschaubare Kolochau. Nicht, weil sie wollte, sondern weil das Leben sie dazu zwang. Dinge, die einst selbstverständlich waren, gingen verloren. Sicherheit. Nähe. Heimat. Freunde.
Doch irgendwo auf diesem langen Weg, den niemand freiwillig geht, hat Anna etwas bewahrt: den Glauben daran, dass Zukunft möglich bleibt.
In Elbe-Elster begann sie von vorn – Schritt für Schritt, schlicht, ohne Geräusch. Arbeit, Sprache, Alltag. Und dazwischen Momente, in denen sie begriff: Es ist nicht wichtig, wo man ankommt. Wichtig ist, dass man nicht stehenbleibt oder fällt.
In ihrem Porträt erzählt Anna nicht von allem. Aber genug, um zu verstehen, wie viel Stärke in einem Menschen wohnen kann, der einmal alles hinter sich lassen musste. Und wie viel Sinn entstehen kann, wenn man trotz allem weiter nach Licht sucht.

Im Namen der Schönheit!
Ich öffne dieses Türchen höchstpersönlich – nicht, weil ich es muss, sondern weil gewisse Aufgaben schlicht mir vorbehalten sind. Manche Dinge will man nicht in menschliche Hände geben. Ich, der weiße Pfau, throne im Herzberger Tierpark und beobachte, wie das gemeine Volk vorbeispaziert: Ich weiß, was sie bei meinem Anblick denken: „Ach du meine Güte, ist der schön.“ Nun – ja. Das stimmt. Ich habe mich nie dagegen gewehrt. Ich erwidere den Blick mit königlicher Milde. Man muss gönnen können.
2026 nun feiert mein Park – unser Tierpark – 50 Jahre. Ein halbes Jahrhundert stolzer Ziegen, lauter Gänse, blökender Esel und… nun ja… Erdmännchen. Ich selbst bin natürlich das Juwel dieses Kleinods. Der ruhende Pol. Der natürliche Höhepunkt jeder Führung. Madame Nicole Starke, unsere Haus- und Hoffotografin, hat mich unlängst fotografiert. Ich sage es ungern, aber: Das Ergebnis ist prachtvoll. Genauso attraktiv wie ich.
Doch nun zum Wichtigen. Ich habe eine Bitte. Pardon – ein fürstliches Ersuchen. Nein, eigentlich: einen Befehl. Er betrifft Sie! Und den Tierpark. Und die nächsten fünfzig Jahre. Und – natürlich – mich. Was genau ich verlange? Das verrate ich nicht hier. Hoheitliche Angelegenheiten gehören nicht ins Vorzimmer.

Es gibt Augenblicke, in denen das Leben kurz innehält. So, als würde jemand leise die Hand auf die Schulter legen und sagen: „Schau genauer hin.“
Ein solcher Moment traf Dr. Inga Wilhelms an einem Winterabend. Kein lauter Schreck, kein dramatischer Sturz. Nur ein Gefühl, ein Griff, ein Zweifel – kaum ein Atemzug lang. Und doch genug, um die Welt in zwei Teile zu teilen: davor und danach.
Was dann folgte, geschah schnell. Vielleicht zu schnell. Bilder. Untersuchungen. Entscheidungen, die nicht warten konnten. Fragen, die man sich nicht stellen möchte. Und eine Frau, die sonst anderen Halt gibt, sie musste plötzlich ihren eigenen finden.
Aber wer Inga kennt, weiß: Sie ist jemand, der Ordnung schafft, selbst im Sturm. Sie sortierte, stabilisierte, baute neu auf. Still, konzentriert, mit einer Klarheit, die man nur gewinnt, wenn man das Selbstverständliche einmal verloren hat.

Wildenau ist ein kleines Dorf. Still, vertraut, überschaubar. Und doch stand es im Mai 1933 plötzlich im Mittelpunkt – als 3.000 Menschen kamen, um zu singen, zu feiern und ein großes Sängerfest zu erleben. Für einen Ort dieser Größe war das eine Sensation. Die Fotos zeigen Freude, Trachten, Festwagen, glänzende Augen. Ein Dorf, das stolz war, Gastgeber zu sein.
Doch in diese Fröhlichkeit mischte sich ein neuer Ton. Fahnen, die vorher niemand brauchte. Rufe, die härter klangen. Ein Telegramm aus Berlin, gezeichnet von Goebbels, das großen Beifall bekam. Und das Horst-Wessel-Lied, das nun Teil von jeder öffentlichen Feierlichkeit war.
Rückblickend sieht man: Das Fest war beides – ein Höhepunkt für Wildenau und ein Tag, an dem Politik begann, Kultur und Tradition für seine eigenen zweifelhaften Zwecke zu nutzen. Ein Moment, in dem ein kleines Dorf Teil eines großen Niedergangs wurde. Ein Niedergang, der sich als Sieg verkleidet hatte. Dazu ein Ufa-Film. Und die Erinnerung: 3000 Stimmen, ein winziges Dorf – und Lieder, die plötzlich anders klangen.

Manchmal genügt ein winziges Leuchten, um einen Historiker völlig aus der Spur zu werfen. Ein Glühwürmchen, das durchs Elstertal schwirrt – und plötzlich fest davon überzeugt ist, es sei königlicher Abstammung. Und unser Geschichtengräber? Der rennt natürlich blind vor Liebe hinterher.
So begann das Abenteuer in Wildenau für Ulf Lehmann. Mit einer kleinen Dorfkirche, einem alten Aquarell, einem bayerischen Offizier – und einer Idee, die so herrlich verrückt war, dass man sie eigentlich glauben möchte: Eine Verbindung zwischen unserem Elstertal und dem schwedischen Königshaus.
Wie bitte? Nur so viel: Der Offizier Johann Georg Freiherr Haller von Hallerstein heiratete 1814 die Wildenauer Gutsherrentochter Christiana Elisabeth von Sommerlatt. Er malte zu diesem Anlass die Kirche, zart, romantisch. Und irgendwo zwischen Pinselstrich und Friedhofsmauer begann das Glühwürmchen zu flackern. Denn auf einem Grabstein der Familie Sommerlatt prangte eine Lilie und - oh Wunder des Wunschdenkens - im Wappen von Königin Silvia, geborene Sommerlath, findet sich ebenfalls eine solche Lilie. Da war es um unseren Heimatforscher geschehen. Er erblindete augenblicklich vor Heimatliebe.

Sollten Sylvius Wegner und Reinhard Straach eines Tages – frühestens mit 113 – das Zeitliche segnen, thronen sie NICHT neben dem lieben Gott. Nein! Sie nehmen Platz neben Loriot. Links und rechts vom Meister. Wo sonst?
Alles begann 1990, als Märchenfiguren plötzlich über den Herzberger Marktplatz stolperten und das Straßentheater „Die Pflastersteine“ entstand. Doch wie das so ist: Wer mit Rotkäppchen und König Drosselbart spielt, landet irgendwann zwangsläufig im Rampenlicht.
1995 dann der große Moment: Frack, Zylinder, feinsinnige Dialoge – und zwei Männer, die so spielten, als hätte der Meister persönlich Regie geführt. Das tat er ganz sicher nicht. Aber er schrieb ihnen später immerhin einen höflichen Brief. Und höfliche Briefe von Loriot sind in Wahrheit Ritterschläge. Was folgte: Kabarettabende, Jubiläen, Offiziersheime, Museumsscheunen, Räume jeder Größe und Akustik. Praktisch jede Bühne zwischen Herzberg und dem Rest der Welt. Im Frack, versteht sich oder splitterfasernackt in der Badewanne.
Sylvius und Reinhard, zwei Herzberger, die seit 30 Jahren beweisen: Humor ist kein Hobby. Humor ist Dienst am Menschen.

Wenn es eine Akademie des Lebens gäbe, bekämen zwei Herzbergerinnen die Ehrendoktorwürde ohne Prüfung, ohne Gutachten, ohne Dissertation: Madlin Rosner und Joelin Krämer.
Ihre Universität war kein Hörsaal, sondern ein Rummelplatz. Ihr Labor: 200 Schulen. Ihre Prüfungssituationen: Unterschiedlichste Menschen, überall, jeden Tag – freundlich, fordernd, kaputt, neugierig, laut, leise, verloren oder genial. Und ihre Abschlussnote? Lebensklug mit Sternchen.
Madlin und Joelin sind mit Wohnwagen groß geworden, im Wechsel von Fahrtwind und Ankommen, von Chaos und Geborgenheit. Als andere noch Schlaf in den Augen hatten, trugen sie schon Verantwortung: für jüngere Geschwister, für Tiere, Technik und Menschenmengen. Sie kennen Typen, Stimmungen, Spannungen. Sie hören hin, bevor sie urteilen. Und sie wissen: Respekt ist alles.
Das Leben hat ihnen nichts geschenkt – außer der Fähigkeit, darin zu bestehen. Glaube als Halt. Gemeinschaft als Schutz. Familie als Rückgrat. Und immer dieses Kreisen: oben Weite, unten Bodenhaftung – ganz wie im Riesenrad, das sie seit Kindertagen begleitet.
Beide wissen: Die wichtigsten Abschlüsse verleiht nicht die Universität, sondern das Leben. Madlin und Joelin haben sie längst: Mut, Menschenkenntnis und die Fähigkeit, anzuschieben, wenn das Karussell stillsteht.

Christian Jaschinski wollte fliegen. Nicht sinnbildlich, sondern wirklich. Pilot werden, Wolken schneiden. Horizonte wechseln. Ein Traum, der so gerade war wie eine Startbahn. Doch das Leben meinte es anders – auf seine Weise. Was bleibt jemandem, der vom Himmel träumt und in Elbe-Elster aufschlägt, pardon, natürlich sanft landet und schließlich tiefe Wurzeln schlägt? Ihm bleibt Perspektive. Genau die hat er sich bewahrt.
Er arbeitet nicht im Cockpit, sondern im Büro. Er trägt keine Fliegerbrille, sondern Verantwortung. Aber etwas von diesem alten Traum ist geblieben: der Blick von oben. Der Blick, der nicht nur Straßen und Felder erkennt, sondern Menschen, Verbindungen und Zusammenhänge. Der Blick, der weiß: Dieser Landstrich ist ein kleiner Kosmos – fragil, voller Wege, voller Entscheidungen, die Kinder, Väter und Mütter betreffen, nicht Paragrafen.
Vielleicht hat er nie gelernt, ein Flugzeug zu steuern. Aber er hat gelernt, den Überblick zu behalten, wenn unten Turbulenzen auftreten. Und das ist manchmal näher am Fliegen, als man glaubt.
Wenn Dörfer Tagebuch führen könnten, würde Dubro vermutlich sagen: „Setzt euch. Das wird unterhaltsam.“ Zwischen 1669 und 1699 ließ hier niemand ein Geheimnis im Verborgenen. Wer „seine Geschwängerte“ heiratete? Steht drin. Wer als „Deflorirte“ galt? Steht drin. Wer ohne Gesang, ohne Spiel, ohne Geläut getraut wurde? Steht ebenfalls drin.
Dubro war ein Dorf, das nichts vergaß – nicht einmal die Zahl der Wochen zwischen Hochzeit und Taufe. 27 Wochen? Notiert. 29 Wochen und 4 Tage? Auch notiert. Um Rückschlüsse kümmerte sich der Dorftratsch.
Und dann ist da Michael Lehmann, der wohl ehrlichste Schulmeister des 17. Jahrhunderts. Seine Schulwohnung beschreibt er 1672 als „dachlos, bodenlos, wändelos“. Trotzdem kamen 13 Kinder. Bildung hatte es schon immer schwer. Bis heute!
Zwischendurch brannte das Dorf mehrfach ab. Einmal, weil Schmied Jacob Rändel „Zincken“ schmiedete – was immer das war, es wurde brandgefährlich. Kurz: Wer denkt, das echte Leben passiere nur heute, hat Dubro vor 300 Jahren übersehen.

Wenn es in Herzberg je eine Kapitänin gab, dann Sabine Endemann. Ihr Dampfer? Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft. Ihr Ozean? Ein Meer aus Bauplänen, Verantwortung und der unerschütterlichen Überzeugung: „Das ist meine Welt.“
Schon als Zehnjährige zeichnete sie mit ihrem Vater Hausgrundrisse. Später stand sie als Baufacharbeiterin zwischen Betonmischern und harten Kerlen, die sie respektierten. Und dann kam die Wende – ein Sturm, der ganze Flotten versenkte. Von 120 Mitarbeitern blieben 20. Eigentum, Rückübertragungen, Schulden, Chaos. Viele gingen von Bord. Sabine Endemann nicht.
Sie gründete einen Betriebsrat, packte an. Bis eines Tages ein Bürgermeister vor der Tür stand und sagte: „Übernehmen Sie das Ruder.“ Sie ließ ihn nicht mal rein – aber sie übernahm. Aus der Ozeanüberquerung wurde keine Odyssee, sondern Sabines ganz persönliche Lebensfahrt – mit klarer Kurslinie, kräftigem Rückenwind und einer Crew, die ihr vertraute.

Wenn es im Leben eine Notfalllampe gibt, dann trägt sie in Elbe-Elster folgenden Namen: Lucas Dienemann. Er ist einer, der nicht wartet, bis jemand den Schalter findet. Sondern einer, der im entscheidenden Moment einfach das Licht anmacht. Wäre Lucas auf der Titanic gewesen, er hätte noch kurz vor dem Untergang aus drei Rettungswesten ein Schlauchboot für sechs geknüpft und wäre losgerannt, um Menschen hineinzuziehen.
Tagsüber Anästhesist, dazu Feuerwehrmann, dazwischen Kreisverbandsarzt beim Roten Kreuz. Und wenn die Welt wieder einmal unübersichtlich wird? Dann bleibt er nicht sitzen. Er mischt sich ein. Sachlich, glasklar, ohne Pathos. Sein Geheimnis? Er sieht Menschen. Nicht Strukturen. Nicht Ideologien. Sondern Menschen, die atmen oder nicht. Menschen, die Hilfe brauchen oder Haltung. Und jeder Satz, den er sagt, trägt diese eine Überzeugung: Nicht nur retten – aufrichten.
Das Pfarrhaus in Malitschkendorf ist ein magischer Ort. Ganz sicher. Irgendwo ist hier eine alte Wunderlampe verborgen. Ein schlummernder Zauber, der durch Streicheleinheiten Superkräfte freisetzt. Hier wohnen Romy und Mathias Feld. Und hier schlummert der Flaschengeist, der verdächtig an einen Menschen erinnert: Gustav Ackermann, Pfarrer in den 1930er-Jahren. Seine Worte: „Lieber mit gutem Gewissen im Gefängnis, als mit schlechtem im Pfarrhaus!“ Der Geist blieb. Und zwei neue Herzen fingen an, ihn weiterzutragen.
Alles begann mit einem Abend unter Freunden. Bierlaune, Musik und eine verrückte Idee, die plötzlich richtig klang. Ein Festival. Für Solidarität. Für Miteinander. Kurz darauf kamen die Wandergesellen ins Spiel. Und sie machten das, was Wunderlampenbewohner gewöhnlich machen: Sie packten an.
Und je mehr Hände halfen, je mehr Stimmen sangen, desto deutlicher wurde es: Der alte Flaschengeist brannte besser als jede LED-Leuchte. Man brauchte nur an den richtigen Stellen zu reiben – an Herzen, Holz, wilden Ideen – und schon schimmerte der Zauber wieder durch die Ritzen. Und das Pfarrhaus, das schnurrt sogar dabei.
Es gab eine Zeit, da entschieden nicht die Menschen über ihr Leben. Der Krieg entschied. Er trieb sie fort. Sie liefen bis die Füße bluteten. So flohen auch die Riecherts mit kleinen Kindern, mit Angst und der leisen Hoffnung, irgendwo ankommen zu dürfen. Doch bevor sie Brandis erreichten, starb das jüngste Kind auf dem Weg. Nicht weil jemand schuldig war, sondern weil die Erschöpfung stärker war als sein kleines Lebenslicht. Der Krieg schrieb die Route und diktierte das Ende: vollkommende Kraftlosigkeit.
Als sie in Brandis ankamen, warteten keine offenen Arme, sondern Armut und Misstrauen. Worte, die stachen. Blicke, die sagten: Ihr seid nicht von hier. Und Willy Riechert? Er schlug Holz und baute am Waldrand eine Hütte. Grob, schlicht, aber ihr Dach über dem Kopf. Doch selbst das gönnte man ihnen nicht.
Willy wurde schwächer. Herzkrank. Mager. Die Not zwang ihn, einen Bittbrief zu schreiben – nüchtern, sachlich. Aber zwischen den Zeilen stand alles, was ein Mensch sonst nur flüstern würde.

Herzberg hat viele besondere Persönlichkeiten: tapfere, fleißige – aber schillernde sind eher selten. Also, liebes Publikum, raten Sie mal mit: Wer hat Strom im Blut, Feuer im Herzen und keine Angst vor Funkenflug? Wer zog einst mit einem historischen Leiterwagen übers Land, spülte Flaschen, zündete Hexen an (auf mittelalterlichen Jahrmarktsbühnen versteht sich!) und überstand 40-stündige Busfahrten in Chile, nur um später die Geschicke Herzbergs zu lenken?
Kleiner Tipp: Der Mann trägt lieber Jeans als Krawatte, hat das Büro gegen Abenteuer getauscht und wenn’s mal hakt, geht er schwimmen oder ins Café.
Ein ehemaliger Elektriker, Globetrotter, Feuerspucker – ein Bürgermeister, der tatsächlich brennt für Herzberg. Die Auflösung? Nun, wer es noch nicht erraten hat: Natürlich Karsten Eule-Prütz – bodenständig, ungebügelt, echt.

Wenn Regina Nauck, unsere „Miss Marple des Elsterlandes“, in alten Kirchenchroniken blättert, bleibt kein Geheimnis heilig oder verborgen. Diesmal stößt sie auf ein Dokument, das selbst sie kurz sprachlos macht: Pfarrer Holzhausen, Züllsdorf 1947, notiert mit schwerer Feder: „Ist Christus für Züllsdorf vergeblich gestorben?“ Ein Satz wie ein Donnerschlag.
Man sieht Holzhausen förmlich vor sich, wie er den Federhalter absetzt, die Stirn reibt und tief seufzt. Vielleicht dachte er an zu volle Kneipen, an den Bauern, der zwei Frauen hatte und an den Lehrer, der auf allen Seiten spielte.
Heute, fast achtzig Jahre später, kann man in Züllsdorf darüber gelassen schmunzeln. Das Gemeindeleben blüht, die Kirche ist schön wie nie. Dank fleißiger Hände und zackiger Köpfe wird gesungen, gefeiert und dem beschwingten Läuten der Glocken zugehört.
Pfarrer Holzhausens Weckruf war wohl eine Standpauke, um die niemand gebeten hatte – und doch ein echter Herzschlag des Lebens. Die Wahrheit sagt man sich selten selbst, man bekommt sie gesagt. Entscheidend ist, was man danach anders macht. Und dafür, das darf man ruhig sagen, hätte sich Züllsdorf mindestens eine kleine Seligsprechung verdient.

Der Herzberger Grafiker Lothar Klunker blieb, als andere gingen. Sein Sohn aus erster Ehe, ein Musiker, floh 1975 in einem Schlauchboot in den Westen – ein spektakulärer Aufbruch, der für die Familie ein Nachspiel hatte. Wer blieb, bekam massiven Druck zu spüren: Karrieren versandeten, Türen blieben geschlossen. Auch Lothar bekam das zu spüren.
Er redete nicht darüber. Stattdessen zog er sich zurück, verließ zehn Jahre lang nicht mehr sein Haus in der Feldstraße in Herzberg. Er war kein Akademiker, kein Atelierstipendiat – sondern ein eigensinniger Schöpfer, der die selbst verordnete Inhaftierung seine Bildsprache zu einem Klunker-Kosmos werden ließ.
Der in Herzberg ausgebildete Künstler malte, während draußen die Stasiakten wuchsen und andere im Korsett der Staatskunst zu atmen verlernten. Er schuf Bilder, die kein Auftraggeber je bestellt hatte. Er schuf absurde kraftvolle Figuren mit Bruchstellen. Gesichter, die nicht gefallen wollten, sondern menschliche Abgründe und Absurditäten zeigten. Kunst als Selbstbehauptung, als Freiheit im Rückzug.

In Freywalde galt der Serbe als freundlich. 1945 verrichtete er dort Zwangsarbeit, lachte, sprach ein paar Brocken Deutsch. Ein Mensch mitten im letzten Kriegschaos, glaubt man. Niemand ahnt, dass er eines Nachts das Gewehr heben wird.
Es ist die Nacht vom 22. auf den 23. April 1945. Noch bevor die Russen einrücken, fallen immer wieder Schüsse. Kurz, dumpf, dann Stille. Am Morgen ruft eine alte Frau durchs Dorf: „Kommt bloß, kommt!“ Auf den Höfen liegen sieben Männer – einer am Kompost, einer am Denkmal, einer im Graben. Die 19-jährige Christfriedel Krüger läuft hin, sieht die Körper, die leblosen weit aufgerissenen Augen.
Die Russen verbieten, sie auf dem Friedhof zu beerdigen. Also wickeln die Alten die Toten in Laken, heben ein großes Loch aus, schaufeln schweigend. Ein Vater senkt seinen Sohn in die Erde. Ein Stück Menschlichkeit am Abgrund.
Der Serbe wird später fortgebracht. Auch in anderen Dörfern soll er getötet haben. Warum, weiß keiner mehr genau. Vielleicht Wahn, vielleicht Rache, vielleicht das, was Krieg mit den Seelen macht. Die Leute sagen lange, es seien „die Russen“ gewesen. So war es leichter. Doch die Oma von Christfriedel hat gesehen, dass der Serbe schoss. Und das Dorf wusste es – und schwieg trotzdem. Jahrzehntelang. Erst viel später steht ein Stein am Weg, ein Denkmal gegen das Vergessen.

Er, männlich, jenseits der 70, bübischer Blick, charmant bis in die letzte Haarspitze, sucht… nichts. Er hat alles! Mut, Mantel und einen alten DDR-Dienstausweis.
Sein Name: Günter Schulze – gebürtiger Herzberger, Hobbyfilmer, Elektrokutschen-Pilot und, wenn’s drauf ankommt, Hochstapler mit Stil.
2017, Hamburg, Eröffnung der Elbphilharmonie: Sicherheitskräfte, Journalisten, Blitzlichtgewitter. Und mitten hinein spaziert Günter, logisch, ohne Einladung, aber mit weltmännischer Aura. Und zack – schon ist er Presse. Steht zwischen CNN und ZDF, nickt wissend, nimmt ein Häppchen, plaudert charmant über das Herzberger Sommerkino und drückt am Ende Olaf Scholz persönlich die Hand.
Während echte Reporter vereinzelt noch draußen frieren, steht Herzbergs stadteigener Hauptmann von Köpenick drinnen im Rampenlicht. Sein Fazit: „Man muss nicht eingeladen sein, nur überzeugend aussehen.“ Und jetzt? Günter strebt straff auf die 80 zu – noch immer mit Funkeln in den Augen und Geschichten, die mit Gänsehaut und offenen Mündern enden. Wie man ihn erkennt? Am Lächeln. Und am Mut, das Leben zu überlisten.
Elisabeth Will war Lehrerin in Frankreich, bevor sie 1944 im Außenlager Schlieben der HASAG stand. Granaten statt Grammatik, Ölgeruch statt Kreide. Zwölf Stunden täglich formt sie Panzerfäuste. Die Haut reißt, die Stimme verstummt. Und doch bleibt sie aufrecht. Mit einem winzigen Kratzer zu viel am Metall. Mit einem Blick, der sagt: Ihr brecht mich nicht.
Im Lager kursiert eine Geschichte, die heimlich Mut macht. Zwei Kapos, laut, großspurig, brechen beim Bürgermeister ein. Sie stehlen dessen Unterwäsche und Delikatessen, prahlen sie. Als man die beiden erwischt, landen sie im Rattenbunker – der Triumph stinkt nun nach Fäulnis. Elisabeth sieht darin etwas anderes: Trotz, Schlitzohrigkeit – beides hilft beim Überleben.
Auch sie leistet Widerstand. Still. Ein Stück Brot teilen, eine schwache Leidensgenossin stützen, ein bewusster fehlerhafter Griff an der Maschine – mehr braucht es manchmal nicht, um das Menschsein zu retten.

Es gibt Ereignisse, die eine Stadt verändern könnten. Theoretisch. Zum Beispiel die Geburt des ersten gebürtigen Trampeltieres in Herzberg.
Ein Wunder der Natur! Ein Meilenstein der Tierparkgeschichte! Ein Moment, bei dem andere Städte Pressekonferenzen einberufen würden. In Herzberg jedoch stellte sich die entscheidende Frage: Wird die Bevölkerung durch dieses Ereignis endlich sensibel? Oder bleibt alles beim Alten. Also beim Füttern, was der Mansch-Eimer hergibt.
Die Antwort kennt eine Frau: Diana Enigk. Seit 35 Jahren Tierpflegerin, Psychologin mit Schubkarre, Schutzpatronin der Tiere und jene Person, die in dieser Stadt vermutlich am häufigsten „Bitte NICHT füttern!“ gerufen hat. Non-stop. Seit Jahrzehnten. Mit wachsender Verzweiflung und beeindruckender Geduld.
Als „Oma“, die alte Trampeltierdame, plötzlich und ziemlich unerwartet Mutter wurde, standen die Herzberger Schlange. Staunen, Kopfschütteln, Begeisterung — und natürlich Fragen: „Darf ich dem Kleinen ’n Keks geben?“ Diana antwortete nicht. Sie lächelte, ein sehr müdes Lächeln und wiederholte ihren Lieblingssatz wie ein Mantra.
Wie die Geburt wirklich war, warum das Jungtier beinahe unter den eigenen Mutterhufen endete, wer „Mäuschen“ rettete, und welche Rolle überraschende Herrenbesuche in Hoyerswerda spielten – all das verrät Diana im neuen Heimatkalender.

Am 22. April 1945 hat Siegfried Fischer Geburtstag. Fünfzehn Jahre – kein Alter für Helden, eher für Fahrradträume und erste Mädchengeschichten. Doch in Wiederau knattern Panzer, kein Vogel singt. Krieg heißt: Leben retten oder Leben verlieren.
Die Mutter kauert im Haus, der Großvater, seit Jahren bettlägerig, hustet. Draußen brüllen russische Stimmen. Seit Wochen warnt der Volksempfänger „Die Russen sind Tiere“ und Goebbels krächzt im Radio noch immer was vom „Endsieg“.
Zwei bewaffnete Rotarmisten stehen plötzlich in der Tür. Sie deuten in die Richtung von Siegfried: Der Junge soll mitkommen. Im Wald zeigen sie mit den Gewehren auf ein verlassenes Haus. „Geh rein!“, sagen ihre Gesten. Er versteht sofort. Er soll vor. Wenn da drinnen jemand lauert, vielleicht bewaffnet, trifft es ihn. Er atmet flach, läuft mechanisch, sein Blick durchmisst die Zimmer. In Siegfrieds Kopf: Schwindel aus Staub und Schatten. Niemand. Entwarnung.
Ein Soldat winkt ihn ran. Ein Feuer knistert bald. Einer schneidet Brot, einer Speck, einer kippt Wodka in einen Blechnapf. Sie stoßen an. Lachen laut. Siegfried trinkt und gehört jetzt irgendwie zu ihnen. Der Wodka brennt, betäubt, macht alles unwirklich.
Als sie ihn heimbringen, fällt seine Mutter ihm um den Hals. Sie hatte ihn schon totgeglaubt. Er selbst weiß: Das Leben kann jederzeit kippen. Und manchmal verbrüdern sich jene mit dir, die dich gerade noch geopfert hätten.


Er ist der Mann mit den vielen Bühnengesichtern. Als Amtsträger, Drogenjunkie, Urologe und als Angela Merkel brachte Christian Poser in den Stücken der Theatergruppe „Die ScHerzberger“ das Publikum heftig zum Lachen. Schon bald macht er als Rosa Rosenlieb die Bühne unsicher.
Das neue Stück der ScHerzberger namens „Dingsdabums“ steht vor der Aufführung.
Die ersten vier Veranstaltungen waren nach nur fünf Stunden ausverkauft. Das hat die ScHerzberger und Christian Poser überrascht. Er liebt das Bühnenspiel und kommt ins Plaudern, springt zwischen seiner Rolle als Rosa Rosenlieb und der eigenen Person hin und her. Nebenbei erklärt er Provinz-Reporterin Lulu Huflattich, worum es in dem neuen Stück geht.

Herzberg. Nach anderthalb Jahren Bühnenzwangspause steht den ScHerzbergern der Sinn nach Aktualität und ungehemmter Fröhlichkeit. Die Herzberger Theaterfreunde wollen nur noch eins: wieder spielen und das Lächeln im Gesicht des Publikums sehen. Der lange Verzicht auf das humorgeimpfte Kulturschaffen sorgte am Ende für einen Kreativ-Knall, für den nun der Vorhang geöffnet wird. Mit dem neuen Stück namens „Dingsdabums“ startet die Truppe ab Mitte Oktober die Spielsaison in Herzberg.
In den zurück liegenden Monaten waren die ScHerzberger nicht untätig. „Immer wieder suchten wir nach Aufführungsmöglichkeiten“, sagt Stückeschreiberin Stephanie Kammer. „In der Schreibtischschublade liegen noch immer die Manuskripte von „Tarzan“, der „Gerüchteküche“ und ein Konzept für „Dr. Wunderhorn“. Erst jetzt sind die Bedingungen so, dass wir in unserem kleinen bescheidenen Bühnenformat spielen können“, freut sich die ScHerzbergerin. Schon beim ersten Treffen der Theatermacher nach den Öffnungsschritten war klar, dass die aktuelle Lage geradezu danach schreit, auf der Bühne verarbeitet zu werden. In typisch ScHerzberger Manier bedeutet das, jeder und alles bekommt wieder einmal kräftig sein Fett weg. Nach gut sechs Wochen war das neue Stück fertig geschrieben. Seitdem wird geprobt.
Wie in den vorangegangenen Stücken „25 Millionen für Herzberg“ und „Rettet Reinhard“ beginnt der Klamauk wieder im Hier und Jetzt. „Wir hatten überlegt, was das eigentliche Kreuz dieser Pandemie ist“, verrät Christian Poser, der Mann mit den vielen Bühnengesichtern. „Es ist das Sterben. Die Zerbrechlichkeit des Lebens. Und das haben wir so humorvoll wie möglich zum Thema des Stücks gemacht“, fügt Spielerin Ines Medenwald an. Wen wundert es da, dass alle vier Hauptdarsteller in den ersten vier Szenen den Löffel abgeben müssen. Sie begegnen sich wieder vor dem Fegefeuer: Dort, wo sich ein jeder von seinen Lebenslastern befreien soll. Besonders versessen sind Christian, Ines und Steffi nicht auf diesen Seelenwaschgang, zumal der edle und sündenfreie REINhard (Straach) sofort und ohne Umwege zur rechten Hand des Himmelsvaters aufgestiegen ist. Er handelt für die drei einen Deal aus: Weil der Himmel pandemiebedingt so voll ist, bekommen alle eine letzte Bewährungsprobe. Der Lohn? Die Rückkehr nach Herzberg. „Eine Strafe!“, wie das wetternde Himmelfahrtskommando lautstark moniert. Meckernd übernehmen die Drei ihre Missionen: Christian trifft den chinesischen Präsidenten Xi Jingping, Ines den Papst und Steffi liest Herzbergs Bürgermeister die Leviten. Am Ende wird selbst der Herrgott ratlos staunen.
Die Premiere findet am 22. Oktober um 19 Uhr im Raum 1 bei Reinhard Straach (Dresdener Str. 29) in Herzberg statt. Sie ist bereits wenige Stunden nach der Veröffentlichung des ersten Pressetestes in der Lausitzer RUNDSCHAU ausverkauft.
Weitere Aufführungen am 23.10., 29.10. und 30.10 zur gewohnten Zeit am gleichen Ort.
Es gilt die 3-G-Regel.
Um Reservierung in der BücherKammer oder unter 03535/248779 wird gebeten.

ZÜLLSDORF. Kein Dorf ist wie das andere. Züllsdorf gehört zu den größten Dörfern in Elbe-Elster. Und es hat einiges zu bieten: Geschichten, Menschen mit besonderen Lebenswegen und Gemeinschaft.
Auf alten Fotos aus Züllsdorf sind kaum Pferdegespanne zu sehen. Die meisten Leute waren früher bettelarm. Zumindest aus heutiger Sicht.

Züllsdorf. Nachdem monatelang Sporthallen und Spielfelder leer bleiben mussten, kommt in der größten Gemeinde Herzbergs ein neuer Schwung auf. Zum Public Viewing kamen kürzlich gut 80 Besucher. An der ortseigenen Warmbierhalle wurde gefiebert, diskutiert und Daumen gehalten. Jeden Sonntag treffen sich vormittags zudem Kinder und Jugendliche auf dem Fußballfeld. Nicht, weil ein Training angesetzt ist oder ein wichtiges Spiel ansteht, sondern aus eigener Initiative. Weil sie Lust haben, gemeinsam zu spielen. Peter Mann ist stellvertretener Vorsitzender in der Sportgemeinschaft Züllsdorf e.V. Er treibt Sport, organisiert und schreibt. Setzt viel Herz und Geist ein, um ein aktives Freizeitleben rund um den Sport möglich zu machen.

Herzberg. Seit zehn Jahren bringt das theater 89 Bühnenstücke vor besonderer Kulisse zur Aufführung. Stadtmauern, Fachwerk, Jugendstilvillen oder Schlossanlagen bilden das Umfeld, in dem diese besondere Form der Bühnenkunst gezeigt wird. Das war auch am Freitagabend in Herzberg das Anliegen der einladenden Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen. Denn dort gab es Freiluft- Bühnenfreuden im Botanischen Garten zu sehen. Passend zum Brandenburgischen Jahresthema Industriekultur drehte sich vieles ums liebe Geld. Aber auch Revolution, Armut, Knauserei und Liebe wurden in poetischen Salven dem Publikum in dem gut dreistündigen Programm singend oder spielend serviert. Ein anspruchsvoller Abend vor fröhlichem Publikum nahm seinen Lauf.




GRÄFENDORF. Während im Lockdown Viele unter der verordneten Untätigkeit stöhnen, läuft Gräfendorf zu Hochtouren auf. Denn jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um auf Dachböden, in Fotoalben, Briefen und Dokumenten nach Spuren aus der Vergangenheit des Dorfes zu suchen.
Barbara Lüderitz war schon in Gräfendorf unterwegs. Sie ist die Ansprechpartnerin für das Buchprojekt, das den hübschen, aktiven Ort in Vergangenheit und Gegenwart anlässlich seines 750. Geburtstages porträtieren soll.
Jetzt sind die Gräfendorfer aufgerufen, die Geschichte ihrer Höfe unter die Lupe zu nehmen und die gewünschten Informationen weiter zu geben.

MOTTENKISTENTOD. In Herzberg gibt es ein Denkmal für die gefallenen Sowjetsoldaten und deutschen Antifaschisten. In der Südpromenade, gleich in der Nähe des Parkplatzes am Bürgerzentrum. Vorvergangenen Sonntag rief ich einem jungen Mann, der dahinter Schutz suchte, um seinen Blasendruck loszuwerden, zu: „Das ist nicht der richtige Ort zum Pinkelieren!“ Er antworte trocken: „Das weiß ich“.
In einem großen Festakt wurde das Denkmal einst eingeweiht. Es hat künstlerischen Anspruch. Seine Botschaft ist gut. Schließt aber die zivilen Opfer des Weltkrieges aus. Inzwischen haben wohl mehr Leute dieses Denkmal als öffentliche Toilette benutzt, als dass Menschen beim Vorübergehen ernsthaft an die Schicksale der Weltkriegsopfer gedacht haben.

NichtNachMachen. Jeder hat schon mal etwas ausgefressen, Unsinn verzapft, Streiche gespielt. In fröhlicher Runde ist es besonders lustig, diese Geschichten, sofern man halbwegs heil davon gekommen ist, ausgeschmückt zu erzählen. Ich hab gleich die Geschichte im Kopf, wie mein Mann mit seinem Freund, heute erfolgreicher Anwalt, auf die Idee kam, ein Guppy-Weibchen zu entbinden. Sie wollten niemals Tiere quälen, ganz im Gegenteil. Sie sahen nur wie die Fisch-Mutti zum Platzen dicke wurde. Deshalb der Notkaiserschnitt, den die Guppy-Mama nicht überlebte. Die Baby-Guppys schafften es. Die Jungs waren traurig, dass die Fischmutter in die ewigen Jagdgründe eingegangen war. Damit hatten sie nicht gerechnet.













HERZBERG. Wenn ich zurzeit die Floskel „Alles gut bei euch?“ höre, fühle ich mich ans Theaterspielen erinnert. Denn momentan ist eigentlich gar nichts gut. Jede Heiterkeit wäre gespielt. Im Freundeskreis zerbricht eine Familie. Der Gedanke an die Kinder macht mich unendlich traurig. Mein Onkel stirbt, es gibt kein Abschiednehmen, keine Trauerfeier für die Familie. Corona rückt immer näher, infizierte Lehrer und Eltern, Schule zu, Hort zu und alle ringen um Lösungen, von denen man erst in ein paar Monaten wenn nicht Jahren wissen wird, ob sie richtig sind. Meine Schulfreundin, die in Peking lebt, schreibt: Wir werden diskriminiert. Wir Ausländer sollen schuld sein am Virus, dazu jeden Tag Luftverschmutzung und pausenloses Lüften in den Schulen. Parallel dazu verkünden die Nachrichten, wie explosiv die Stimmung am anderen Ende der Welt, in den USA ist. Obendrauf eine Meldung, dass genau dort die Zustimmung für Trump bei der Wahl am größten war, wo Corona am meisten gewütet hat. Ich frage mich, ob der Mensch in den vergangenen 4.000 Jahren überhaupt irgendwelche nennenswerte Fortschritte gemacht hat?
Ich frage mich, wie man künftig leben wird, wenn uns das Gefühl von Wahrheit und Sicherheit komplett abhanden kommt. Wahrheit, Fakten, gesichertes Wissen sind für mich wie die Statik eines Hauses. Gehen sie verloren, zerbricht alles. Da hilft doch nur Flucht. Flucht wohin? In die Vergangenheit?
Seit 18 Jahren beschäftige ich mich mit Heimatgeschichte. In jedem Kirchenbuch, in jeder Ortschronik, in Zeitungen lässt sich nachlesen, dass unsere Vorfahren regelmäßig mit Seuchen zu kämpfen hatten. Dr. Wagner aus Schlieben beschrieb, wie sich ein halbes Dorf mit lebensgefährlichem Fieber infizierte. Erst Einer - nach einer Woche das halbe Dorf. „Ein großes Sterben grassiert“ – nachlesbar etwa aller fünfzig Jahre, fast überall, gehäuft nach Kriegen mit großer Mobilität und „viel umherziehendem Soldatenvolk“. In den vergangenen 100 Jahren dann deutlich weniger Epidemien - dank der modernen Medizin. Unser jetzt so erschüttertes Sicherheitsempfinden durfte auf diesem Boden wachsen.
Für einen guten Bekannten, der längst zu einem Freund geworden ist, habe ich ein Abschiedsgeschenk in Auftrag gegeben. Eine kleine liegende Glasflasche, wie eine Flaschenpost. Darin eine selbst geknetete Miniaturwelt, die die wichtigsten Dinge in seinem Leben abbilden soll: ein Segelschiff voller Noten (für den KulturFreund), dazu ein Kasper (für den Theater-Freund) und ein Känguru (für den Australien-Freund in ihm) als Besatzung. Dabei ging mir ein Licht auf.
Wir sollten uns alle mal wieder überlegen, was uns von Herzen Freude macht. Das alles wird nicht untergehen, sondern nur eine Weile auf uns warten müssen. Die See ist rau zurzeit. Niemand weiß genau, ob wir auf einem guten Kurs sind. Aber das, was uns Freude macht, haben wir in der Hand. Wir können es retten, aufpeppeln oder schlimmstenfalls wieder lebendig machen. Kneten wir uns unsere eigene Welt und schützen wir sie, so gut es eben geht. Alle, die das nicht können oder nicht wollen, bitte ich darum, die kleine Knetwelt des Anderen nicht kaputt zu treten. Unser Umgang miteinander wird entscheiden, wie wir durch diese wilde Zeit kommen. Ein bisschen erschöpft aber friedlich wäre am schönsten. Bleibt alle gesund, versöhnlich und großzügig miteinander. Niemand kann etwas für diese Situation. Wir sind nicht aus deutschem Hartholz sondern wohl eher Knetfiguren, die sehr leicht Schaden nehmen, die sich aber auch gegenseitig bollestark machen können.
Stephanie Kammer


Unvergessen - das bübische Lächeln von HDL
Spielerin Christine Müller ist zum ersten Mal in Elbe-Elster zu Gast. Ihre Heimspielstätte ist das Weite Theater Berlin.

Herzberg. Von seinem klassischen, geschichtslastigen Charakter hat sich der Heimatkalender für die Region Herzberg schon längst verabschiedet. Das Festhalten der Gegenwart ließ das einstige regionale Geschichtsbuch schon vor Jahren zu einem zeitgemäßen, unterhaltsamen und reich illustrierten Regionalmagazin in Buchform werden. Kalendermann Christian Poser ruft nun auf, Wahrnehmungen und Erfahrungen in der jetzigen Pandemie-Zeit aufzuschreiben und der Redaktion zukommen zu lassen.
„Es sind außergewöhnliche Zeiten, für die sich schon in naher Zukunft viele Menschen brennend interessieren werden“, verdeutlicht Christian Poser die Brisanz der Corona-Zeit. „Auch unsere eigene Perspektive auf das Geschehen wird sich bereits in einem Jahr wieder auf den Kopf gestellt haben. Denn jeden Tag passiert etwas Ungeahntes, Überraschendes. Dieses Spannungsfeld um Wahrnehmungen und Fakten zur Pandemie hat viele persönliche Ausprägungen und unterschiedliche gesellschaftliche Folgen. Der Blick auf unsere Region und aus unserer Region ist wertvoll. Wir sind die Corona-Zeitzeugen der Zukunft. Deshalb müssen wir gerade jetzt dokumentieren, fotografieren, filmen und schreiben“, appelliert er an alle, ob mit und ohne Schreib- und Veröffentlichungserfahrungen. Der Ausgang der Pandemie sei offen, fügt er an, umso wichtiger sei es, Momentaufnahmen, Geschichten und Begebenheiten, die uns jetzt beschäftigen, hier und jetzt festzuhalten.
Alkohol, Abgründe und Alltagswahnsinn zwischen Theke und Stammtisch I Eine spritzige Buchpräsentation mit dem Dorfschänken-Experten Dr. Gert Wille am 18. August
Herzberg/ Schlieben. Der aus Proßmarke stammende Autor Dr. Gert Wille ist immer für Überraschungen gut. Nachdem er sein im Mai erschienenes Buch durch die Corona-Maßnahmen öffentlich nicht vorstellen konnte, brennt es ihn nun umso mehr unter den Nägeln. Das, was nicht im Buch steht, soll Thema seiner Buchpräsentation sein. Was es mit dem Mistpfützenkrebs, Beratern der Bundesregierung, Mathe-Übungen im Bierkeller und Klebe-Erotik so auf sich hat, verrät der Regionalhistoriker am 18. August in der BücherKammer in Herzberg. Als echtes ehemaliges Schänken-Kind schöpft er aus einem reichen Reservoir aus Erinnerungen und Erlebnissen zwischen Theke und Stammtisch.


Vielleicht geht es euch auch so. Jeden Tag brechen neue Ereignisse und Schlagzeilen über unsere Köpfe hinein. Sich eine halbe Stunde auf nur ein Thema zu konzentrieren, wird zum Kraftakt. Sorgen und Ängste hier, Sonnenschein und Frühling da. Mehr Zeit zu Hause, eigentlich etwas Tolles, und zugleich die Frage, wann holen uns die wirtschaftlichen Einbrüche persönlich ein. Gesundheit steht über allem, gesellschaftliche Anteil- und Rücksichtnahme setzen wir gerade um - wie wichtig das ist, steht außer Frage. Dennoch sei es erlaubt zu sagen, wie ratlos dieser Cocktail des Lebens macht. Vor Corona ging es um Hab und Gut. Daran waren wir gewöhnt. Mit Corona geht es plötzlich um Leib und Leben. Daran kann und möchte ich mich nicht gewöhnen. Egal wen es trifft.

Heute Morgen beim Haus- und Hofbäcker nebenan. Der Chef steht am Verkaufstisch. Er klopft einen Spruch nach dem anderen, lacht und verkauft Brot und Brötchen. Nach jedem Geldkontakt desinfiziert er sich seine Hände. Und weiter geht’s. Wenn er das hundertfünfzig Mal am Tag gemacht hat, braucht er heute Abend Melkfett oder irgendetwas anderes Hochprozentiges für seine Haut. In seiner Stimme Galgenhumor und Aufgeregtheit. Ich denke, so wund, wie seine Hände nach dieser Woche sein werden, ist zurzeit unser aller Innerstes.
Am Frühstückstisch zeigt mir meine zehnjährige Tochter ein Tictoc-Video von ihrer Schulkameradin. Durch das Handy meiner Kleinen sieht mich ein grell geschminkter Baby-Zombi an. Mutmaßlich die schüchterne Jana, sie war schon bei uns zum Kindergeburtstag. Sie singt „It´s Corona time“ und filmt abwechselnd sich selbst in wackliger Großaufnahme und die Küche ihrer Familie: dort meterhoch gestapelt Küchenrollen, Tee, Toast, Nudeln, Fertiggerichte, Süßes. Ich sehe meinem Mann in die Augen und wir denken jetzt das Gleiche.
Im Laden dann die erste telefonische Bestellung des Tages von meiner alten geschätzten Lehrerin und Babysitterin meiner Großen, Ingrid Hille. Frau Hille erzählt, Sie braucht Lesestoff. Dann sage ich, sie kann mich gern anrufen, wenn sie dieser Tage mal Hilfe braucht. Und schon kommen wir auf d a s Thema. Plötzlich berichtet sie: „Meine Großmutter ist 1918 hoch schwanger, im neunten Monat an der spanischen Grippe gestorben. Da war meine Mutter erst vier und schon Halbwaise.“ Wir hatten schon unzählige Male über ihre Familiengeschichte gesprochen. Das hatte Frau Hille bisher nicht erzählt.
Zurück an den Schreibtisch. Für das Geschichtsbuch über Osteroda, an dem ich gerade mit vielen fleißigen Geistern aus dem rührigen Dorf arbeite, blättere ich in einem Buch von Hans-Dieter Lehmann, in seiner Presseschau III - Was Großvater einst in der Zeitung las. Worüber stolpere ich? Das Schweinitzer Kreisblatt berichtet aus dem November 1916: „Im November 1916 fingen die Bauern an, Salz zu hamstern. Sie kauften es in Herzberger Geschäften zentnerweise ein aus Angst, es könnte alle werden. Die Petroleumhamsterei nahm manchmal Formen an, dass die Geschäftsinhaber sich bewogen sahen, ihre Geschäfte zu schließen.“ Ein paar Seiten danach November 1918. Eine Meldung aus Kirchhain. „Die Grippe breitet sich immer mehr aus. Die Zahl der Erkrankten nimmt täglich zu.“ Über 400 kranke Kinder, fast die gleiche Anzahl kranker Erwachsener und der letzte Satz: „Die Zahl der Todesfälle steigt von Woche zu Woche“. Jetzt habe ich endgültig genug und beschließe morgen an dem Buch weiterzuarbeiten.

Mein Name ist Mathias Becker. Ich bin in Herzberg/Elster aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Viele Verwandte und Freunde leben bis heute dort. Seit 2009 lebe ich aus familiären und beruflichen Gründen in Tschechien, und zwar in Opava, einer Stadt mit ca. 60.000 Einwohnern. Die Stadt liegt in Mährisch-Schlesien im äußersten Osten des Landes an der polnischen Grenze. Opava ist eine alte, historische Stadt. Von den Einheimischen wird es oft auch „Klein-Wien“ oder die „Weiße Perle Schlesiens“ genannt. Viele schöne alte Gebäude aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie prägen das Bild der bis vor wenigen Tagen lebendigen Innenstadt. Früher wurde die Stadt auf Deutsch auch Troppau genannt. Bei Spaziergängen durch die überschaubare Altstadt genieße ich den Anblick der schönen Fassaden der Häuser aus der Gründerzeit.
Sandra Schurbert mit ihrer Tochter in Peking.
Herzberg. Sechs Jahre lang hat Jens Ott die Geschicke des 2014 gegründeten Fördervereins des Phillipp-Melanchthon-Gymnasiums geleitet. In diesem Zeitraum haben zahlreiche Schulklassen davon profitiert, finanzielle Zuwendungen für Klassenfahrten und Schüleraustausch-Reisen zu erhalten. Auch konnte ein hauseigenes Schülerorchester mit Instrumenten ausgestattet werden. „Viele Projekte, die nicht zu den Pflichtaufgaben des Schulträgers gehören, können dank eines Fördervereins unterstützt, manchmal sogar erst realisiert werden“, verdeutlicht Jens Ott die Bedeutung der Vereinsarbeit. Über deren Zukunft denken zurzeit die 77 Mitglieder nach. Denn Ott wird mit dem Ausscheiden seiner Tochter aus der Schule, den Vorsitz nicht weiter übernehmen. Ein Rundbrief, der allen Vereinsfreunden kürzlich zuging, enthielt die Bitte, über die Nachfolge und mögliche Kandidaten ins Gespräch zu kommen. „Es gab nur eine Rückmeldung auf den Brief überhaupt“, stellt Jens Ott besorgt fest. Einen geeigneten und willigen Nachfolger oder eine Nachfolgerin an der Spitze des Vereins sei momentan weit und breit nicht in Sicht. „Das bedaure ich sehr. Für den Vorstand konnten wir bereits Kandidaten gewinnen. Nur der Vorsitz hängt in der Luft. Das Aufgabenspektrum des Vorsitzenden ist nicht ohne. Dennoch konnten etliche Abläufe in den vergangenen Jahren optimiert werden. Ich wäre traurig, wenn die Arbeit nicht fortgeführt würde. Es sollte jemand mit Schwung und Mut den Verein in die Zukunft führen“, appelliert Ott nachdrücklich an Eltern, Vereinsfreunde und Lehrer der Herzberger Schule.
Stephanie Kammer
HERZBERG. Das neue Stück "Tarzan - ein Herzberger" aus der Feder von Verlegerin Stephanie Kammer ist längst fertig. Die Theatertruppe die ScHerzberger" probt derzeit. Denn ursprünglich war die Prämiere für Ende April angesetzt. Aufgrund der aktuellen Empfehlungen, auf nicht notwendige Veranstaltungen und soziale Kontakte zu verzichten, verschieben die Theaterfreunde schließlich die Aufführungen bis auf Weiteres. Die verkauften Karten behalten ihre Gültigkeit, versichern die Theaterfreunde. Im Juni oder August könnte es weiter gehen.
Auf jeden Fall lohnt es sich, schon mal vorab ein Blick hinter den noch geschlossenen Vorhang zu wagen. Was erwartet das Publikum nach „Rettet Reinhard“ und „25 Millionen für Herzberg“? Viel Amüsantes, darunter der Bühnen-Beweis, dass Tarzan eigentlich nicht im Dschungel, sondern in Herzberg an der Elster zuhause ist. Eine handgemachte Kleinstadt-Komödie, soviel steht fest.
Mit der Hofkapelle Elbe-Elster erlebte das Publikum zur Eröffnungsveranstaltung des Kulturjahres in Saathain Bühnen-Professionalität vom Feinsten. Die jungen Berufsmusiker präsentierten am zurück liegenden Freitag Abend in einem einstündigen Konzert ihr Können,
Barbara und Jörg Böning waren jahrzehntelang in Herzberg als Tierärzte tätig. Einblicke in ihr Kunstschaffen zeigen sie bis April 2020 im Schloss Grochwitz in Herzberg. (Fotos: stk)
Im Dorf tut sich so Einiges: Matthias Hensel, Ingrid Morawitz und Thomas Barth beratschlagen, wie das Ortsjubiläum und eine Publikation am besten zu organisieren sind. (Foto: Stephanie Kammer)
Siegfried Laurig und dessen Tochter Simone Müller haben gemeinsam schon in alten Schriften und Alben gekramt. Sie stehen auf dem Hof der Gastwirtschaft, die heute von Dirk und Silke Laurig neu belebt wird.
Frische Luft tanken auf den leeren Straßen Pekings. Die Töchter von Sandra Schurbert genießen die entschleunigte Zeit zuhause.
Es ist schon einige Jahre her, da kam ich an einem Dienstagmorgen vom 24-Stunden-Dienst. Bevor ich nach Hause fuhr, hielt ich bei der Bäckerei Bubner, damals in der Schliebener Straße, an, um für meine Familie Brötchen zu kaufen. Als ich mein Fahrrad abstellte, sah ich im Rinnstein der neu sanierten Straße in Höhe Schuhladen Colani eine neue Sandale liegen. Das Preisschild klebte noch daran und ich dachte mir: „Wahrscheinlich ist die Sandale aus einem Fahrradkorb gehopst – bei dem Straßenpflaster!“ Also hob ich sie auf und legte sie auf die Schaufensterbank.
Am nächsten Tag war ich wieder Brötchen holen. Da sah ich die Sandale noch immer auf der Fensterbank liegen.
Auch als ich am Donnerstag zum 24-Stunden-Dienst fuhr, lag die Sandale unverändert auf der Fensterbank. Ich wunderte mich schon, dass sich scheinbar niemand dafür interessierte – weder die Dame, die sie verloren haben musste, noch die Verkäuferinnen.
Freitag, der Dienst war zu Ende, fuhr ich neuerlich zur Bäckerei, um Brot und Brötchen zu kaufen. Dreimal darf man raten, wer lag auf der Fensterbank? Richtig, die Sandale. Die Sandale (weiblich) tat mir, der ja die Frauen liebt und schätzt, doch schon sehr leid. Sie lag da und niemand schien sich für sie zu interessieren.
Herzberg. Dem überall spürbaren Vorweihnachtstrubel setzt die Musikschule Gebrüder Graun ein stimmungsvolles Kontrastprogramm entgegen.
Die Gesangsklasse von Sebastian Pöschl lädt am Samstag ins Herzberger Bürgerzentrum ein, um ihre schönsten Weihnachtssongs aus einem bunten Genrespektrum vorzutragen.
Ab 19 Uhr werden Getränke gereicht, um 20 Uhr soll das Konzert beginnen.
Wir sprachen mit dem Musikpädagogen Sebastian Pöschl über das bevorstehende Konzert.
iPad heute bestellt, morgen geliefert. Läuft. Vom Klodeckel mit New-Yorker Skyline bis hin zur Palisander-Geige ist alles, was das Leben nötig hat, über Nacht lieferbar. Geht doch. Versandkostenfrei für Prime-Kunden. Geile Gegenwart. Schmusige Zukunft, denkt Kevin-Luca.
Wozu überhaupt erinnern? Ein Erinnerungsboom nach dem anderen! Luther, Reformation, Fontane. Ernste Gesichter, lange Reden und andere Ego-Booster und dazu Denkmäler. Bröckelndes Gemäuer und supersofter Retro-Murks. Erinnerungsorte sind Gedankenfriedhöfe. Weder schön, noch unterhaltsam. Schlaffes Enterbrainment. Für eine geschmeidige Work-Live-Balance völlig untauglich. Und was da erzählt wird – Geschichte – ist megalangweilig. Steckt gewöhnlich in Büchern drin. Dort soll sie bitte bitte bleiben. Zugeschlagen, staubig und schon bald entsorgt, hofft Kevin-Luca im Stillen.
Vielleicht taugen ja die Seiten der Geschichtsbücher als Toilettenpapierersatz? „Wenn ich chillig in meinem Bad auf meiner New Yorker Skyline throne und dabei der Palisander-Geige schräge Sounds entlocke, könnte ich was für die Umwelt tun und den Geschichtsbüchern seitenweise eine angesagte klimafreundliche Zweitverwendung zuführen“, sagt Kevin-Luca zu sich selbst. Die Idee ist schlau. Macht er einen Livehack von, freut er sich. Bei Oma hieß das früher Haushaltstipp oder Kniff. Via Youtube will er alles online stellen. Bringt ganz viele Likes. Ihr wisst schon, Gefällt-mir-Daumen ein. „Alter Lachs, Geschichte kann ja doch irgendwie cool sein!“, ist Kevin-Luca geflasht, also Feuer und Flamme.
Das iPhone angeswitcht, die Kamera an. Go! Kevin-Luca ist jetzt live, online, im Netz: „Hey Leute, zeige euch heute einen echten Livehack, hier aus meinem Klo-Studio. Was machen mit all den staubigen Büchern? Stehen nur rum und werden dinoalt. Ich hab die Lösung: Zuerst der Heimatkalender von Oma. Krass, das Teil. Den gibt´s jedes Jahr. Und immer wieder wärmt er das, was früher mal war, süßsäuselnd auf. Schon der Name: Heimat! Abgeranztes Kaff, nenn ich das. Krieg ich Analhusten von. Aber immer schön cremig und nice bleiben. Mich soll hier keiner als Kulturleiche abstempeln. Ich schlag einfach mal auf und dann geht’s der ersten Seite an den Kragen. Wart mal, da geht’s um Genreserven? Hammer! Also die Seite schon mal nicht. Da die hier. Kids machen den Maulwurf, also helfen im Garten, und hauen sich den Wanst mit Mohn voll? Wie geil ist das denn? Können am Ende nicht kack..., also ihr Gesäß husten lassen? Boah! Puhlen die braune Snickersmasse mit Mutters Haarnadel aus ihrem … No! Ich brat mir ein Eis! Leute, die Seite auch nicht. Ist wertvoll.“
„Hey Kevin-Luca, komm endlich vom Klo. Ich muss mal“, brüllt Oma jetzt durchs Schlüsselloch. „Ey Leute, kurze Break, äh Pause, bin gleich zurück, live aus meinem Klo-Studio“. Kevin Luca zieht die Hose hoch, packt das Handy in seine PO-Tasche, schwirrt an Oma vorbei. „Hey Omsel, will nicht stören, wenn zu dir der Schokowagen kommt“, küsst er Oma die Wange. Die zieht ihm den Heimatkalender aus der Hand und sagt: „Kleiner, der ist noch nichts für dich. Ist langweilig. Lass den mal schön für den Opa und mich. Hast doch dein iPhone und W-LAN“, knufft Oma Kevin-Luca ihn in die Taille. Kevin-Luca rafft gerade gar nichts. Oma macht die Klotür zu. „Du hast deine Palisander-Geige vergessen“, ruft Oma und steckt den Kopf samt Geige wieder in die Tür. „Den Heimatkalender brauch ich noch mal“, piepst Kevin-Luca. „Nixda. Der ist erst ab 60 +.“ „Live is a bitch“, denkt Kevin-Luca. Das Leben ist eben ungerecht!
Der neue Heimatkalender für die Region Herzberg hat witzige Stories und wohldosierte Geschichte im Gepäck. Kalendermann Christian Poser verrät die Zutaten des 2020er Jahrbuches: kurze kernige Beiträge, Geschichte im alltagstauglichen Format und ganz viel Menschsein. Darüber hinaus plaudert er über seine Arbeit als Kalendermann und wie er sein Lieblingskind durch die Gegenwart in eine kunterbunte Zukunft retten möchte.
Bildtext: Dr. Iris Berndt las aus „Brandenburgs schöner Süden“ in der BücherKammer im Rahmen der von ihr organisierten Rad-Exkursion der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg.
Ingeborg und Eyring von Rotenhan leben seit einigen Jahren auf Schloss Neuenhof bei Eisenach. Der Familienbesitz wurde 1945 enteignet und konnte nach der Wende von der Familie zurück gekauft werden.
"Die Zauberflöte" in der BücherKammer - magisch schön und voller tiefer Einblicke ins Zwischenmenschliche
Ambiente, Applaus und Apfelkuchen in der brechend vollen Mühlenscheune
Jana, Durve und Marie brachten den Mühlenfestbesuchern ein musikalisches Ständchen.
Herzberg. Der 1. September 1939 ist ein Schicksalstag für alle. Der Zweite Weltkrieg wird von Hitler-Deutschland entfacht. Der Preis, den dieses Fiasko fordert, ist unvorstellbar hoch: Gigantische Zerstörung in Europa und ein bisher unbekanntes Massensterben. Der Krieg verlangt 65 Millionen Menschenleben, das sind mehr als 1.000 Todesopfer stündlich, etwa 100 von ihnen werden Deutsche sein. Von all dem ahnt man am 1. September 1939 nichts. Wer jedoch durch die Lesebrille der Lokalgeschichte ins Herzberg der späten dreißiger Jahre schaut, wird überrascht sein, wie viele Anhaltspunkte es für die Kriegspläne der Nationalsozialisten und für den bevorstehenden Niedergang von Recht und Menschlichkeit gibt. Und das gut sichtbar im Regionalen, vor den bekannten Schauplätzen, die vielen Menschen auch heute wohl vertraut sind.
Herzberg 1939. Der sogenannte Führerstaat durchdringt alle Lebensbereiche. NSDAP-treue Funktionäre sitzen in Führungspositionen und Gremien. Die Bevölkerung ist durch inzwischen linientreue Vereine und verschiedenste NS-Gliederungen erfasst und in den Dienst der Gesellschaft gestellt. Politisch Andersdenkende sind längst von der Bildfläche verschwunden. Es bleiben maximal Nischen und das rein Private für kritischen Geist.
Der mächtigste Mann in Herzberg und im Kreis heißt Reinhold Fritsch, NSDAP-Kreisleiter und Bürgermeister bis 1945. Der ehemalige Bergarbeiter aus Sondershausen hat „Erfolge“ vorzuweisen, deren Anfänge oft in den politischen Genesungsmaßnahmen der Weimarer Zeit zu suchen sind.