Waschbärverschwörung und die Schleimspur der Hoffnung - Klimawandel, Plagen und Müll als Chance für Herzberg

KammerFlimmern: Puls für die Herzberger Provinz. Eine Kleinstadt-Kolumne voller gemeingefährlicher Geistesblitze


Eine Müllparty wie sie im Bilderbuch steht, heute im Herzberger Stadtpark entdeckt.
Eine Müllparty wie sie im Bilderbuch steht, heute im Herzberger Stadtpark entdeckt.

HERZBERG. Der Morgen nach der Müllparty im Stadtpark Herzberg bietet Anlass zur Hoffnung. Überall liegen Becher, Teller, Verpackungen und Essensreste. Meterweit neben den Papierkörben. Ein erschütternder Anblick für Menschen mit überholten Vorstellungen von Ordnung und Verantwortungsgefühl.

Doch vorschnelle Urteile helfen niemandem. War es wirklich der Mensch? Oder waren es Waschbären? Schließlich gelten Waschbären als eingewanderte Problemtierart. Sie sind fremd, nachtaktiv und stehen deshalb grundsätzlich unter Verdacht. Vielleicht haben sie gemeinsam Geburtstag gefeiert. Vielleicht ein großes Familienfest veranstaltet. Vielleicht warfen sie anschließend aus purer Bosheit ihren Müll neben die Abfallbehälter.

Man weiß es nicht. Fest steht nur: Die Theorie mit den Waschbären wirkt deutlich angenehmer als die Annahme, dass ganz normale Mitbürger dazu in der Lage wären.

Während wir noch über die Herkunft des Mülls rätseln, präsentiert uns die Natur bereits die nächste große Zukunftschance. Der Eichenprozessionsspinner marschiert in langen Kolonnen die Eichen hoch. Zecken vermehren sich mit bewundernswerter Zielstrebigkeit. Schnecken erobern Beete und Gemüsegärten. Keime und Insekten feiern Temperaturen, die vielen Menschen längst Sorgen bereiten, mit explosionsartiger Vermehrung.

Andere sehen Probleme. Ich sehe neue Märkte. Warum weiterhin klimaschädliches Industriefleisch produzieren, wenn uns die Natur Millionen frischer Proteinquellen direkt vor die Haustür liefert?

Die regionale Speisekarte der Zukunft könnte so aussehen: 

Herzberger Eichen-Crispies

Knusprig geröstete Prozessionsspinnerraupen auf Wildkräutersalat. Regionaler geht es nicht.

 Raupenragout Förster Art

Langsam geschmort und mit dem charakteristischen Kribbeln auf Haut und Schleimhäuten.

Prozessionsspinner am Spieß

 Für alle, die ihre Nahrung gern in geordneten Kolonnen serviert bekommen. Auch die Zecke verdient endlich mehr Wertschätzung.

Zecken-Tapas Elbe-Elster

Klein. Regional. Hartnäckig.

Borreliose-Bowl

Ein Gericht, das noch Wochen nachwirkt und bestenfalls Wanderröte dort aufträgt, wo früher Wangenrouge nötig war.

Und natürlich die Schnecke.

Nacktschnecken-Nuggets in eigenem Schleim

Frisch aus dem Gemüsebeet. Das zerlöcherte Salatblatt gibt es als Extra.

Experten beobachten seit Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung.

Alles, was sticht, krabbelt, beißt, frisst oder Krankheiten überträgt, scheint von den neuen Klimabedingungen begeistert zu sein.

Man könnte fast den Eindruck gewinnen, die Natur teste bereits eine neue Regierungskoalition.

Während Raupen, Zecken, Schnecken und Waschbären ihren Einflussbereich stetig erweitern, bereitet sich Sachsen-Anhalt auf die nächste Landtagswahl vor. Die Entscheidung wird spannend.

Denn offenbar reicht es inzwischen, für jedes Problem einen anderen verantwortlich zu machen. Für den Müll die Waschbären. Für die Wirtschaft Zuwanderer und sozial Schwache. Für die Schulen die Lehrer. Für die Pannen-Politik, ach ihr wisst schon... Und für den Zustand des Landes grundsätzlich immer die anderen. 

Die Natur ist da schon weiter. Sie unterscheidet nicht nach Herkunft. Sie breitet sich einfach aus. Vielleicht ist genau das die eigentliche Lehre dieser Zeit. Nicht jede Plage kommt von außen. So manche wächst direkt vor der eigenen Haustür. Andere wiederum machen sogar ihr Kreuz bei der Wahl. Doch bevor jetzt jemand glaubt, dies sei eine politische Geschichte, muss ich widersprechen!

Heute hat es geregnet. Die Rosen im Garten tragen schwere Tropfen. Jeder einzelne spiegelt die Welt. Das Grün leuchtet. Die Luft riecht nach Sommer.

Die Schnecken feiern vermutlich eine weitere Regierungsbildung, aber das kann die Schönheit dieses Tages nicht zerstören. Darin liegt unsere Stärke. Wir können uns ärgern. Verzweifeln. Satirische Speisekarten über Zecken und Nacktschnecken schreiben. Und dann schaue ich auf eine Rose. Denke an das KlunkerKabinett und die ScHerzberger.

Im August geht es weiter. Und bei so viel Inspiration direkt vor der eigenen Haustür steht fest: Die kommenden Aufführungen bekommen noch etwas mehr Würze und Biss. Und richtig juckenden Lachmuskel-Ausschlag obendrauf.

Stoff dafür liefern verlässlich Waschbären, Schnecken, Zecken, Prozessionsspinner und gelegentlich auch Herzberg. In diesem Sinne erhebe ich heute zum Feierabend mein Glas auf meine Stadt.

Und gönne mir einen frisch gedrehten Eichenprozessionsspinner-Zigarillo aus handverlesenen Gespinstfasern.

Für noch mehr gemeingefährliche Geistesblitze.

Stephanie Kammer