Warum Elbe-Elster nicht nur finanziell unter Druck gerät

ELBE-ELSTER. Eine Freundin arbeitet halbtags als Haushaltshilfe in einem ambulanten Pflegebetrieb. 18 Haushalte fährt sie regelmäßig an. Ältere Menschen, die Hilfe brauchen beim Einkaufen, beim Putzen, beim Alltag. Vor kurzem sagte sie einen Satz, der mich nicht mehr loslässt: „Bei einem Drittel der Leute möchte man am liebsten jemanden anrufen, der sie aus ihrer Armut herausholt.“ Ich glaube, viele verdrängen inzwischen, wie ernst die Lage geworden ist.

Im Kreistag beschäftigen wir uns derzeit intensiv mit der dramatischen Haushaltslage des Landkreises Elbe-Elster. Das erwartete Defizit von ca. 16 Millionen im Jahr 2026 wird sich voraussichtlich auf über 40 Millionen im Jahr 2027 erhöhen. Eine Haushaltssperre wurde ausgesprochen.
Überall wird nach Einsparungen gesucht. Schnell geraten dann Kultur, Bibliotheken, Sportförderung oder freiwillige soziale Angebote in die Diskussion. Aber je intensiver ich mich einarbeite, desto mehr merke ich, das eigentliche Problem liegt viel tiefer.
Die größten Kosten entstehen nicht durch „Luxus“. Sie entstehen durch Pflichtaufgaben, die das Land Brandenburg und der Bund häufig nur teilweise den Kommunen erstatten, wie bei der Sozialhilfe. Jugendhilfe. Pflege. Eingliederungshilfe. Eine große Ausgabenposition nehmen auch Personalkosten in den Verwaltungen ein. Genau hier müsste genauso rigoros optimiert werden wie in der freien Wirtschaft. Doch bei allem gilt: Es geht um die Lebenswirklichkeit vieler Menschen. Menschen, die man gut kennt. Menschen, die denken, fühlen und leiden. Die nicht wie Kostenfaktoren behandelt werden dürfen.
Und gleichzeitig stoße ich immer wieder auf erschreckende Zahlen, wie beispielsweise aus den Gesundheitsatlanten der AOK. Das sind Erhebungen für ganz Deutschland, die Aussagen über Krankheiten und deren Häufigkeiten in der Bevölkerung ermöglichen. In Elbe-Elster leiden 12,43 Prozent der Menschen an Herz- Kreislauferkrankungen. Schon das Land Brandenburg liegt bei Männern und Frauen in allen Altersgruppen über dem Bundesdurchschnitt mit 10,3 Prozent. Elbe-Elster trägt damit eine noch höhere überdurchschnittlich Krankheitslast in diesem Bereich.
Das stützt die Aussage, dass Regionen wie Elbe-Elster nicht nur unter Ärztemangel leiden, sondern gleichzeitig auch an einer überdurchschnittlich hohen Belastung durch Krankheiten.
Bei Osteoporose gehört unser Landkreis sogar zum traurigen Spitzenreiter Brandenburgs. Mehr als jeder dritte Mensch leidet unter Rückenschmerzen. Auch Depressionen und Diabetes liegen deutlich über vielen anderen Regionen. Das sind keine trockenen Statistiken. Das sind Menschen aus unserem Alltag, die Schmerzen haben und Hilfe brauchen. Menschen, die jahrzehntelang körperlich gearbeitet haben. Menschen, die oft alleine altern. Menschen, die jeden Euro umdrehen müssen. Menschen, deren Kinder weggezogen sind. Menschen, die monatelang auf Arzttermine warten. Menschen, die versuchen, Pflege irgendwie zu organisieren.
Etwa jeder zehnte Einwohner unseres Landkreises ist inzwischen pflegebedürftig. Rund 90 Prozent davon werden ambulant versorgt. Also zuhause. Von Angehörigen. Von Pflegediensten, die längst an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Gleichzeitig haben sich die Eigenanteile in stationären Pflegeheimen seit 2022 nahezu verdoppelt. Von ungefähr 1.500 auf rund 3.000 Euro monatlich im ersten Jahr. Verständlich, je länger Menschen auf medizinische Behandlungen warten müssen, desto teurer werden Pflege, Therapien und Behandlungen. Ganz zu schweigen vom persönlichen Leid, das viele dadurch tragen müssen.

Wer soll all das künftig versorgen? Wer soll das bezahlen?
Je länger ich mich mit diesen Themen beschäftige, desto häufiger stoße ich auf dieselbe ernüchternde Erkenntnis:
Viele Probleme können auf Landkreisebene kaum noch gelöst werden. Natürlich müssen auch wir vor Ort ehrlich prüfen:
Wo können Strukturen effizienter werden?
Wo braucht es Zusammenarbeit?
Wo muss Verwaltung moderner und leistungsfähiger werden?
Wie können Energieprojekte oder neue Einnahmequellen helfen?
Aber selbst radikale Einschnitte würden die eigentliche Schieflage nicht beseitigen. Denn die Rahmenbedingungen entstehen an anderer Stelle. Wenn Landkreise immer mehr Pflichtaufgaben übernehmen müssen, ohne dauerhaft ausreichend finanziert zu werden, entsteht ein System, das sich langsam selbst auffrisst.
Wenn ländliche Regionen gleichzeitig älter, kränker und ärmer werden, steigen die Kosten zwangsläufig immer weiter.
Und genau das spüre ich zunehmend als Ohnmacht.
Nicht, weil niemand arbeitet oder diskutiert. Im Gegenteil. Es wird gerechnet, beraten, gestritten, gesucht. Aber am Ende steht oft dieselbe Frage: Wie lange kann das noch funktionieren?
Ich schreibe das nicht, um Verantwortung wegzuschieben. Sondern weil ich glaube, dass Ehrlichkeit notwendig ist. Wegsehen hilft nicht mehr.
Vielleicht müssen wir endlich beginnen, offener darüber zu sprechen, was in ländlichen Regionen tatsächlich passiert. Wie sie kippen. Nicht irgendwann. Sondern jetzt. Die Alarmglocken darf niemand mehr überhören.
Stephanie Kammer
Zwischen all den Diskussionen über Defizite, Haushaltssperren und Streichlisten gibt es immerhin kleine Signale, die helfen, die Zukunft unseres schönen Landstriches nicht vollständig nur als Kürzungsdebatte wahrzunehmen.
Eine BürgerEnergieGenossenschaft, wie in Herzberg vor einiger Zeit gegründet, könnte dazugehören, wenn eine Kommune als größerer Teilhaber darin mitwirkt. Bürger, Unternehmen und auch die Stadt versuchen dort gemeinsam, aus der Energiewende eine regionale Wertschöpfung vor Ort zu machen. Das wird keine Haushaltslöcher in Millionenhöhe stopfen. Aber vielleicht ist genau das wichtig. Nicht die große Erlösung zu versprechen, sondern vernünftige Ideen wachsen zu lassen, die langfristig ein wenig Stabilität, Beteiligung und Zuversicht zurückbringen können.
