
HERZBERG. Manchmal kommt alles zusammen. Eine dichte, anstrengende Woche. Dazu Termine am Samstag, eine Klausurtagung, und die Nachbesprechung eines Buchprojekts am Sonntag. Schon am Freitagnachmittag fehlt mir die Puste. Im Radio höre ich die vertraute Stimme meiner Studienfreundin Ellen Schweda. Sie ist MDR-Kultur-Moderatorin. „Ist der amerikanische Präsident noch bei Sinnen?“, trägt sie eine Schlagzeile in der Presseschau vor. Höflich-sanft und korrekt, wie ich es so sehr an ihr mag. Ich schüttele mich trotzdem: Denn eigentlich müsste man diese Frage so laut hinausschreien, dass sie von Herzberg über Leipzig bis nach Washington und Mar-a-Largo erdbebenartig schallt.
Parallel zur völlig chaotischen Weltlage platzt mein Herzensprojekt über Herzbergs Dalí, den Grafiker und Surrealisten Lothar Klunker, der zehn Jahre lang sein Haus in der Feldstraße nicht mehr verließ und stattdessen malte. Die druckfertige 80-Seiten-Werkschau über seine Kunst und eine mögliche Ausstellung im Bürgerzentrum sind Geschichte. Seit Oktober hüpfte ich von einem Zeh auf den anderen, wenn ich von Klunker erzählen konnte und offene Ohren fand. Ich schrieb ganz viel. Auch das Klunker-Kabinett, ein Theaterstück für uns ScHerzberger, in dem er auferstehen darf.
Ganz viel Vorfreude darauf und zugleich nun fette, brennende Schürfwunden nach der Bauchlandung bei der Veröffentlichung und der Ausstellung. Der wirtschaftliche Schaden ist wie ein Schlag in die Magengrube, doch das nun zerstörte Vertrauen tut viel mehr weh und wird echte Narben hinterlassen.

Mit dieser XXL-Sorgen-Mütze auf Kopf und Schultern radelte ich im strömenden Regen zu meinem Sonntagstermin mit Kati und Lutz Fahron. Kati ist Ärztin und Referentin an der Charité in Berlin. Lutz ist der Chef der Numismatischen Gesellschaft Berlin, die älteste ihrer Art auf diesem Erdball. Ich hatte beide zum Jahresanfang kennen gelernt. Wir durften für Kati ein wunderbares Buch mit Texten und Bildern und vor allem Medaillen, die sie entworfen hatte, anfertigen. Unsere Gespräche waren mit Themen randvoll gepackt. Von antiker Mythologie, über mittelamerikanische Hochkulturen, Mutterkorn, die Heilige Hedwig und LSD-artige Halluzinationen, gewürzt mit viel Persönlichem. Zwei universalgelehrte Berliner mit hochexplosiver Stark-Strom-Power, die Mühlberg und die Louise in Domsdorf kennen wie Trier oder Frankfurt/ Main. Die die Radler-Kneipe in Bomsdorf genauso mögen wie den Alten Hut in Dahlem. Die Gutsches aus Herzberg ebenso im Herzen tragen wie mein Mann Ulf und ich es tun.
Wir trafen uns im Blauhaus. Wärme schob schnell die adipösen Regenwolken beiseite. Kati schenkte mir ihr und unser gemeinsames Buch. Ein echter Seelen-Atlas. Und dazu die drei zauberhaften Lesenden, die sie selbst modelliert hatte. Sie sitzen und liegen auf echten Berliner Pflastersteinen. Wie persönlich und originell! Ich schlage Katis „Lebensgeister“ auf und bleibe sofort an meinem Lieblingsgedicht kleben. „Auf deine Seele will ich nun / getrost und freudig bauen…“. Ein Schwur, der Vertrauen zum Lebenssaft macht und unsere Gegenwartswüste durch menschliche Verbundenheit grün werden lässt. Am Ende steht: „Denn ich will nie allein / in meinen Träumen leben.“ Mein Klunker-Traum ist halb geplatzt. Aber ich begreife, sein Lebensgeist atmet noch. Er braucht andere, damit er weiterleben kann. Die ScHerzberger sind mit einer Bühnentherapie zur Stelle. Selbst wenn Vertrauen zerbricht, so zeigt es genau darin seine eigentliche Bedeutung.
Liebe Kati, du hast viel mehr als deine vielgestaltige Kunst verschenkt. Du hast ihr Geheimnis entschlüsselt: Du machst sie zu einer Medizin, die nicht vor Menschen flieht, sondern sie verbindet. Zeiten, Menschen und Verletzlichkeiten.
DANKE dir von Herzen dafür!
Stephanie Kammer
