Sylvius Wegner, der Mann, der Leben rettete und die gute Laune gleich mit, geht in den Ruhestand

HERZBERG. Sylvius Wegner geht in den Ruhestand. Als Notfallsanitäter und Lokal-Comedian hat er Leben und vor allem Lebenssinn jenseits und diesseits der Schwarzen Elster, von früh bis spät gerettet. Gäbe es in Herzberg einen ritterlichen Adel und vielleicht eine Königin, dann würde Sylvius am Samstagmorgen nach seiner letzten Schicht beim Rettungsdienst Elbe-Elster zum Ritter geschlagen und in den Adelsstand erhoben werden. Ruhm und Ehre für einen echten Retter mögen an diesem Tag und für alle Zeit auf sein blondes Haupt regnen!
Das WARUM liefert dieses Personenporträt, das vor zwei Jahren entstanden ist und seitdem nur an Glanz gewonnen hat, weil Sylvius unermüdlich und immer weiter mit Herz, Hirn und Humor viel Gutes bewirkt hat.
Es ist etwas Universelles, etwas Verbindendes und zutiefst Menschliches, dass ein jeder annehmen muss.
Ob reich oder arm, gütig oder hundsgemein, schlau oder dem geistigen Mittelstand angehörend, ein jeder Mensch kann in eine schwierige Situation geraten. Not und Hilfsbedürftigkeit sind Universalien!
Fast zweihundert Rettungsdienst-Mitarbeitende sorgen in Elbe-Elster dafür, dass der Notfall nicht in Ausweglosigkeit endet, sondern Leid abgewendet wird. Pro Jahr legen sie 900.000 Kilometer auf den heimischen Straßen zurück. Eine Strecke, die weiter ist, als Erde und Mond voneinander entfernt sind, die etwa 45 Mal dem Abstand Nord- und Südpol entspricht oder 200 Mal der Route Los Angeles-New York. Sylvius Wegner ist bis Samstagmorgen einer von ihnen gewesen. Seit mehr als vierzig Jahren war er unterwegs und half dem Leben, der Gesundheit und dem Glücklichsein auf die Sprünge.
Zu Anfang sah alles überhaupt nicht danach aus, als würde es ihn ins Rettungswesen verschlagen. Viel mehr schien es so, als würde er all seine Tatkraft dafür einsetzen, durstige Kehlen vor dem Austrocknen zu retten. „Kellner“, konnte sich der fröhliche Wegner-Spross damals gut vorstellen. Dabei schwadronierte ihm die große weite Welt, aber doch zumindest ein vornehmes Restaurant der Oberklasse im Kopf herum. Zumal er sich gern bei Hertels in der alten Kneipe in Alt-Herzberg Gastronomie-Bücher auslieh.
Doch die Frauenwelt und heiße Mopeds verschlangen die komplette Aufmerksamkeit des jungen Mannes, sodass Bewerbungen und Vorstellungen hinten über fielen.
Vater Wegner riet gelassen, Sylvius möge dann endlich auf dem Boden des Handwerks Fuß fassen. Also ab zu den Maurern vom VEB Bau. So steuerte Sylvius auf ein Tagwerk aus Steine-Stemmen und Betonrühren zu und baute Wohnhäuser unter Lehrmeister Harald Peysa. Ein anderer blickiger sozialistischer Vorgesetzter erkannte, dass die wirkliche Berufung dieses Proletariers allerdings nicht in der Praxis lag. Blieben also die Theorie und ein mögliches Fachstudium.
Schließlich bließ das Wehrkreiskommando zum Dienst. Einsatzort: Straßenbau. Vielleicht auch Fahrer. Egal in welcher Funktion Sylvius dem Frieden dienen sollte, fest stand für Mutter Wegner, der Junge darf nicht weit weg. Heimlich schlich sie sich zur Dienststelle des Wehrkreiskommandos. Erzählte eine Geschichte über die Gärtnerei, reichlich Arbeit, die schönen Schnittblumen und über das tägliche Ringen um helfende Hände.
Sylvius, der sich, so die freiwillige Selbstauskunft, nie gerissen hatte um die schweren Arbeiten im Gartenbau, profitierte vom Überredungstalent seiner Frau Mama.
Womöglich hatte die gewitzte Gärtnerin auch ein paar extra Blumenbouquets für die verehrte Frau Wehrkreiskommandeurin versprochen. Genau weiß das niemand, außer vielleicht irgendein Mitarbeiter der Staatssicherheit, der an jenem Tag sein Ohr an Wand oder Tür gepresst hatte.
Bei der NVA wehte dann ein straffer Wind und irgendwo war eine Sanitäter-Stelle frei. Ein halbes Jahr Medizin zu büffeln, schien den wenigsten aufmonitionierten, harten Kerlen an der Waffe verlockend. Aber Sylvius sagte leise und mit Nachdruck: „Ich bin dafür der Richtige“. Sylvius fühlte sich in seiner neuen Aufgabe sehr wohl.

Es war ohnehin die Zeit der großen Gefühle.
Tänzelte doch irgendwo auf einer Wolke 7 über dem sachsen-anhaltinischen Bad Kösen die zarte Andrea in freudiger Erwartung eines weiß gekleideten Prinzen auf und ab. Eine wild-romantische Geschichte nahm ihren Lauf. Zwischen Kussregen, Herzensstürmen und Gefühlsgewittern schlug bei beiden die Liebe wie ein Blitz ein und entfachte postwendend ein winziges neues Leben, das schon bald Susanne heißen sollte.
Der Vorgesetzte bei der Fahne, so der liebevolle Kosename für die NVA, brüllte über den Übungsplatz: „Ey Sani, bist Vater geworden!“ Da hüpfte ein Herz zwischen all dem Geballer und Gebrüll.
NVA, Familie und Vaterschaft – alles ziemlich früh und holterdiepolter – ja, manch anderen Jüngling aus echtem Herzberger Hartholz hätte das den Dielenboden unter den Füßen gekostet. Nicht unserem Sylvius, der sich den Kragen zurecht zupfte und mit neunzehn Jahren auf dem Rücken nun Verantwortung übernahm. Jetzt wollte er wirklich zum Rettungsdienst. Auch im zivilen Leben. Aber wie nur?
Berufswahl oblag in der DDR gewöhnlich nicht einem selbst, sondern eher anderen, nicht immer empathischen Menschen mit Einfluss. Ein guter Kumpel, der in der Kindernotrettung tätig war, sprach Sylvius Mut zu. So bewarb er sich beim Roten Kreuz, wohlwissend, wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Selten hatte er sich so sehr gewünscht, Herz und Geist zum Wohle anderer einsetzen zu dürfen. Doch die Sache war aussichtslos, es wurde niemand gebraucht. Sackgasse.
Niedergeschlagen machte sich Sylvius Luft bei seinem Kumpel aus der Kindernotrettung. Wie es der Zufall wollte, war dieser junge Mann der Schwiegersohn des allerobersten Direktors vom DRK der DDR. Und dieser weise Häuptling entschied auf Basis einer feurigen familiären Fürsprache über Eignung und Einsatz unseres künftigen Krankenfahrers Sylvius Wegner in Herzberg.
Das Blatt wendete sich. „Vitamin B ist nur ein Problem für den, der es nicht hat“, resümiert der inzwischen zum staatliche geprüften Notfallsanitäter geschlagene stolze Retter, wohlbemerkt nicht Ritter, heute. Er sei damals aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen, welche Fäden das Leben so fädelt, wo manchmal der Herrgott geschickt lenkt, während das Menschenkind ergebnislos denkt. Er legte sich ins Zeug, arbeite hart und gewissenhaft, über vierzig Jahre lang und war stets glücklich dabei. Töchterchen Anne Maria folgte ihm beruflich auf Schritt und Tritt. Auch ein kleiner Ritterschlag für einen Retter aus Leidenschaft. „Es ist alles gut gelaufen“, lächelt der Menschenfreund sein typisches „Sylvius-Lächeln“. Sein Glück fand er dort, wo andere Menschen Hilfe suchen. Eine wahre Berufung, zu der jedermann zwischen Erde und Mond nur fröhlich und anerkennend „Hurra“ rufen kann.
Stephanie Kammer
VORSICHT SCHLEICHWERBUNG I Wer seine Memoiren nicht dem Zahn der Zeit überlassen, sondern in würdige Worte kleiden will, der trete vor. Madame Feder, alias Stephanie Kammer, hütet Geschichten wie kostbare Schätze und schmiedet aus Erinnerungen ein bleibendes Vermächtnis. In einer Welt, die sich allzu eilfertig selbst entwertet, verleiht sie Worten Gewicht, Glanz und Bestand. Wer also sein Leben nicht im Wind verwehen sehen will, sende Boten und vertraue ihr seine Geschichte an. Ein jeder Mensch verdient seinen eigenen Ritterschlag – in Tinte verewigt.

