Kein Geheimnis: Elbe-Elster ist ein Nest

Eine Liebeserklärung an Elbe-Elster anlässlich des 30. Geburtstages des Naturparkes Niederlausitzer Heidelandschaft


Dreißig Jahre Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft. Das ist kein Festakt. Das ist eine Verwandlung.

Wo einst Panzer rollten und Munition im Boden lag, wächst heute wieder Heide. Wo Schüsse fielen, ruft das Käuzchen. Und an der Schwarzen Elster taucht der Fischotter auf, leise, selbstverständlich, lebendig.

Diese Rede erzählt von Mut statt Resignation. Von Menschen, die sich gegen das Schnelle, Laute entschieden und für Zukunft. Ein Wunschkind ist daraus geworden. Ein Zukunftslabor.

 

Eine Liebeserklärung an Elbe-Elster. Und ein klarer Satz: Zukunft passiert nicht. Wir machen sie.

"Die Toskana fängt gleich hinter Herzberg an". SPRECHEN sie mich an, und ich gestalte sehr gern Ihren Festanlass mit einer Rede, einem Programm oder einer Moderation.
"Die Toskana fängt gleich hinter Herzberg an". SPRECHEN sie mich an, und ich gestalte sehr gern Ihren Festanlass mit einer Rede, einem Programm oder einer Moderation.

Liebe Geburtstagsgäste,

es ist alles andere als ein Geheimnis: Elbe-Elster ist ein Nest!

Kein großes. Kein lautes.

Aber eines, das wärmt. Schützt. Das uns groß und stark werden lässt.

Ich bin hier geboren. Ein Dorfkind.

Mit Erde im Gesicht. Mit Gras in den Haaren. Mit Geschichten im Kopf.

Wir waren draußen. Immer. An der Schwarzen Elster.

Auf dem Wall und auf den Wiesen. Zwischen Käuzchenruf und Sommerstaub.

Mein Freund Sylvius auch. Er wohnt am Elster-Deich. Schon immer.

Morgens steht er am Küchenfenster.

Er schaut auf den Fluss.

Und manchmal sieht er ihn: den Fischotter.

Er kommt aus dem Wasser. Mit einem Fisch im Maul. Er teilt ihn.

Mit seiner Gefährtin.

Kein Spektakel. Keine Doku. Sondern echtes Leben. Gewachsen auf Vertrauen.

Und dazu das Gefühl: Wir gehören genau hierher.

Wir alle hier tragen Natur in uns.

Weil wir Kinder dieses Landkreises sind.

Und dieser Landkreis trägt Natur in sich.

Ein Viertel seines Gesichtes ist Naturpark. Heute wird dieses grüne pulsierende Herzstück dreißig Jahre alt.

Und wir feiern. Nicht nur eine Landschaft. Einen Park. Sondern einen Teil von uns.

Wen wundert es da: Wir haben die gleichen Wurzeln.

 

Kinder des Ostens.

Sprösslinge eines Landes, das getrennt war.

Und wieder zusammenwuchs.

Voller Gegensätze.

Voller Brüche.

Voller Widersprüche.

Auch diese Landschaft kennt das.

Alles begann wenig idyllisch.

Nicht romantisch.

Nicht mit Blaubeeren und Ottern.

Es begann mit Stiefeln im Sand.

Mit Kommandorufen und Schüssen.

Mit Panzerspuren zwischen Liebenwerda und Doberlug.

Ein Truppenübungsplatz.

Hier wurde Krieg geprobt.

Mitten in Europa.

Mitten im Kalten Krieg.

Verwundete Natur.

Zerfahrene Böden.

Ein Land im Spannungszustand.

Und doch – irgendwie, irgendwann zwischen Ostberlin und Bonn

wurden leise Gespräche geführt.

Ganz kleine Schritte.

Für etwas, das Ideologie einhegte. Dass das Gegeneinander aufbrach.

Entspannung.

Ein Gedanke stand im Raum:

Jede Seite gibt einen Truppenübungsplatz auf.

Die Wahl fiel auf die Niederlausitz.

Auf unser heutiges Herzstück.

Der kleinste Platz seiner Art.

Hier tat es am wenigsten weh.

Ein winziges Stück Abrüstung.

Ein kaum hörbares Abrücken.

Ein ganz kleiner Tribut der Hardliner.

Und doch – rückblickend – war es ein Neuanfang.

Plötzlich ein Raum.

Für Ideen.

Für Wünsche.

Für neues Leben.

1988. 

Foto: Philipp Strelitz (DANKE)
Foto: Philipp Strelitz (DANKE)

Das war der Vorbote einer Geburt. Sie begann nicht mit Applaus.

Sie begann mit Mut.

So wuchs der Gedanke an einen Park.

Gezeugt im Nest deutsch-deutscher Beziehungen.

Geboren aus Spannung.

Nicht aus Idylle.

Und dennoch: gewollt.

Von Herzen gewollt.

Ein echtes Wunschkind.

Eines, das wachsen sollte.

An Natur.

An Hoffnung.

An Fürsorge.

An klugen Ideen.

Das hatten Menschen im Kopf.

Hier vor Ort.

Jahrzehntelang waren sie ausgesperrt.

Heide und Wald trugen Wunden davon.

Die zu tiefen Narben wurden.

 


Und dann die Frage:

Was, wenn die Landschaft heilen darf?

Aufbruch traf Mut.

Mut traf Vorstellungskraft.

Und ja – sie hatten ein kleines Techtelmechtel.

Und dann:

War der Naturpark da.

Ein Wunschkind.

Und zugleich – ohne dass man es ahnte –

ein Zukunftslabor.

 

Und dann kam 1989.

Ein Jahr, das keiner planen konnte.

Ein Jahr, das alles verschob.

Die letzte Regierung der DDR brachte ein Nationalparkprogramm auf den Weg.

Mitten im Umbruch.

Mitten im Wanken.

Eine Vision wuchs.

Nicht auf sicherem Boden.

Sondern auf bewegtem.

Hier vor Ort griffen Menschen zu.

Nicht nach Macht.

Nach Möglichkeiten.

Sie dachten einen Gedanken, der kühn klang.

Fast verrückt.

Was, wenn aus diesem Gelände

kein Gewerbegebiet wird? Kein Disney-World am Rande der bundesdeutschen Erdscheibe.

Kein Wald. Kein schillernder Ertrag.

Kein schneller Gewinn.

Was, wenn wir schützen?

Was, wenn wir bewahren?

Was, wenn wir Zukunft nicht verbrauchen,

sondern vorbereiten?

Zukunft ist keine Wetterlage.

Sie kommt nicht einfach über uns.

Wir steuern sie an.

Durch Entscheidungen.

Durch Mut.

Durch Zupacken.

Und manchmal auch dadurch,

dass man nicht jeden Abzweig nimmt.

Die Hiesigen entschieden sich gegen das Schnelle.

Gegen das Laute.

Gegen das, was kurzfristig glänzt.

Und für etwas, das wachsen sollte.

Ein Wunschkind braucht Fürsprecher.

Ein Labor braucht Menschen, die experimentieren.

Beides hatte dieser Naturpark.

 

Er hatte Paten und Eltern.

Einer von ihnen: Walter Kroker.

Damals Landrat.

Naturfreund.

Ein Mann mit Blick für das Wesentliche.

Sein Credo war schlicht:

Willst du wissen, was Schönheit ist –

geh hinaus in die Natur.

Dort findest du sie.

Er sah sie,

wo andere nur Brache sahen.

In Auerhühnern,

die hier wieder leben sollten.

In Bergbaugruben,

die keine Narben bleiben sollten –

sondern Biotope werden konnten.

Er glaubte daran,

dass Heilung möglich ist.

1996 erblickte der Naturpark offiziell das Licht der Welt.

Der Förderverein entstand.

Menschen schlossen sich zusammen.

Nicht aus Pflicht.

Aus Überzeugung.

Walter Kroker führte mit Umsicht.

Mit Stil.

Mit Ausgleich.

Und immer mit einem klaren Kompass:

Nicht verbiegen.

Nicht jedem Trend hinterherlaufen.

Den Ursprung bewahren.

Das Eigene wachsen lassen.

Wie bei einem Kind.

Man kann es begleiten.

Aber nicht umerziehen, schon gar nicht entzaubern,

bis es sich selbst nicht mehr erkennt.

 

Diese Art Zukunft ist kein Gedanke.

Sie ist harte Arbeit.

Und die beginnt nicht mit Applaus.

Sondern mit Aufräumen.

Munition im Boden.

Verlassene Militärgebäude.

Zerfahrene Wege.

Bergbaufolgelandschaften.

Und die Kleine Elster –

belastet von Abwässern.

Ein Fluss, der zu viel schlucken musste.

Das war die Realität.

Und dafür gab’s keine Blaupause.

Kein Modell.

Keinen Fahrplan.

Nur einen Kompass.

Und der zeigte:

An die Arbeit.

Mit Herz.

Alle zusammen. Wie eine Familie.

 

Wie eine Familie, einer Kernfamilie …  In ihrer Brust schlagen sechs Herzen, hier im Naturpark. Und darüber hinaus noch viele mehr.

Sechs Menschen, die auf den Schultern von naturwacht, Besucherzentrum und Förderverein stehen.

Die allesamt viel tragen.

Ordnen.

Erklären.

Zuhören.

Aushalten.

Sechs Mitarbeitende.

Und mitten unter ihnen

die Seele des Parks:

Lars Thielemann.

Seit 28 Jahren hier.

Er tauft die Landschaften mit dem Versprechen Zukunft.

 

Zukunft heißt hier: Hände schmutzig machen.

Heide freilegen.

Gewässer renaturieren.

Strukturen ordnen.

Geduld lernen.

Und dabei nie vergessen,

was schon da war.

Das Lobenmoor.

Still. Geheimnisvoll.

Eines der letzten seiner Art.

Grünhaus.

Seit den 1930-er Jahren Naturschutzgebiet.

Ein leiser Beweis,

dass Schutz keine Mode ist.

Zukunft braucht Herkunft.

Aber Herkunft allein genügt nicht.

Sie braucht Bizeps.

Und Schwung.

Denn wer wirklich an etwas glaubt,

der bleibt nicht Zuschauer.

Der wird verantwortlich.

Und Verantwortung heißt:

Man schläft nicht immer ruhig.

Man zweifelt.

Man ringt.

Wie bei einem Kind.

Schlaflose Nächte.

Stürze.

Blaue Flecken.

Dazu Zweifel.

Und Tage, an denen man nicht weiß,

ob man das alles schafft.

So war es hier.

Und so ist es bis heute.

Knappe Mittel.

Viel Idealismus.

Mancher Streit.

Vorstellungen und Temperamente, die aufeinanderprallen.

Aber eines bleibt. Alle machen weiter. Halten aus. Halten zusammen.

Denn auch ein Wunschkind wächst nicht von selbst.

Und ein Zukunftslabor funktioniert nicht ohne Versuch und Irrtum.

Probieren, verwerfen und lernen.

Für mehr Mut. Für echtes Leben.

 

Und dann – eines Tages –

merkt man:

Es funktioniert.

Nicht spektakulär.

Nicht mit Feuerwerk.

Sondern leise.

Wo Munition lag,

wächst wieder Heide.

Wo Abwasser floss,

plätschert ein sauberer Fluss.

Ein Viertel unseres Landkreises ist heute Naturpark.

Ein Drittel der Menschen Elbe-Elsters wohnen hier.

Er ist keine Kulisse. Keine Fototapete.

Sondern Land, das Zukunft hervorbringt.

Hier wird gepflügt und gehofft.

Hier wird gelernt und gewagt.

Hier wird gesät –

und nicht selten geerntet.

Der Pomologische Garten in Döllingen.

Über 400 Obstgehölze.

Alte Sorten.

Tiefe Wurzeln.

Neue Blüten.

Zukunft schmeckt hier süß.

Nach Kirschen.

Nach Apfelmost.

Und draußen auf den Streuobstwiesen?

Da laufen Kinder mit roten Wangen. So wie früher.

Naturpark-Kita.

Junior Ranger.

Schulklassen im Besucherzentrum.

Da heißt es: Fragen stellen.

Libellen zählen.

Wasser messen.

War das gerade eine Fledermaus?

Zukunft wird hier nicht erklärt.

Sie wird erlebt.

Und plötzlich merkt man:

Er ist erwachsen geworden.

Dieser Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft.

So groß schon.

Wie die Zeit vergangen ist.

Er gehört zu uns

wie unsere Mundart.

Wie Elbe und Schwarze Elster.

Wie das Käuzchen in der Nacht.

Er ist Teil unserer DNA.

Nicht aufgesetzt. Nicht angemalt. Gewachsen.

Und was sagt nun das Labor?

Kein trockener Befund.

Kein Diagramm.

Keine PowerPoint.

Sondern etwas ganz Einfaches:

Zukunft ist gestaltbar.

Nicht perfekt.

Nicht ohne Irrtum.

Aber wirksam.

Wenn wir uns zuständig fühlen.

Wenn wir nicht warten. Nicht jammern. Nicht wegsehen.

Der Naturpark ist kein Zufall. Er ist eine Entscheidung.

Er zeigt:

Auch aus Bruchstellen wächst Neues.

Auch aus Wunden entsteht Kraft.

Auch unter schwierigen Bedingungen

kann Großes gelingen.

Zukunft ist kein Orakel.

Sie ist ein Samenkorn.

Und wer dieses Korn nicht in die Erde legt,

wird nie erleben, wie es aufbricht, keimt und wächst.

Zukunft beginnt dort,

wo Menschen sich selbst ernst nehmen.

Wo sie sagen: Das hier geht mich an. Und deshalb fasse ich zu.

Wo sie Verantwortung vorleben und weitergeben. An Kinder.

An Junior Ranger

An Gemeinden.

An die, die nach uns kommen.

Und vielleicht –

wenn wir in diesem Frühling an die Elster begeben – sehen auch wir ihn.

Den Otter. Nicht mehr nur zu zweit. Sondern zu dritt. Ein kleines munteres Wesen im Schilf. Ein Wunschkind.

Geboren in einer Landschaft,

die wir nicht aufgegeben haben.

Das ist Elbe-Elster.

Das ist unser Naturpark.

Und deshalb: Lasst uns groß denken, wenn es um uns selbst geht.

Dieses kostbare Geschenk sollten wir dem Naturpark und uns nicht nur zu diesem 30. Geburtstag machen, sondern jeden Tag aufs Neue.

 

Denn wenn wir Ideen wie Kinder behandeln, wachsen sie – und wir mit ihnen

Herzlichen Glückwunsch Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft!

Stephanie Kammer