Türchen Nr. 23 • HeimatAdventsKalender der BücherKammer

10 GEBOTE DER MENSCHLICHKEIT. Manchmal ärgere ich mich unendlich über mich selbst. Warum kann ich nicht einfach sein wie andere? Das Leben genießen, zweimal im Jahr eine Flugreise, vielleicht eine Kreuzfahrt mit der Aida. Am Wochenende Party, davor Kosmetik, Nägel, Solarium. Dazu neue Schuhe, ein Auto mit 150 PS und Ledersitzen – das volle Programm.
Doch allein die Vorstellung daran ist für mich der Horror. Was mich dagegen umtreibt sind Krisen, die Abgründe dieser Welt - täglich. In der Ferne – und direkt vor der Haustür. Manchmal denke ich, vielleicht geht es denen, die einfach leben und genießen, viel viel besser als mir – mit meiner Wut, meiner Ohnmacht und meinen winzigen Versuchen, etwas zu verändern - was keineswegs mit verbessern gleichzusetzen ist.
Vor einiger Zeit saß ich in Hamburg in einem italienischen Restaurant. Draußen lag eisige Kälte in der Luft, drinnen roch es nach Pizza und frischem Basilikum. Auf dem Weg dorthin hatte ich viele Obdachlose auf dem Boden kauern sehen. Meine Pizza kam, und ich fragte mich: Kann ich das jetzt genießen?
Zwei Tische weiter saß ein älterer Mann. Sein Gesicht war wach, klug, aber vom Leben auf der Straße gezeichnet. Ich bat die Kellnerin, ihm das Essen heimlich bezahlen zu dürfen. Sie lächelte und sagte: „Das können Sie gern machen. Unsere Chefin bietet mittwochs allen Obdachlosen jedes Gericht zum halben Preis an.“ Da spürte ich Wärme – nicht vom ersten Bissen Pizza, sondern von der Erkenntnis: Es gibt immer Menschen, die nicht wegsehen. Menschen, die handeln. Klein, leise, unspektakulär – aber zutiefst menschlich.
Ein paar Monate später, wieder in Hamburg, war Christopher Street Day. Regenbogenfahnen überall, Musik, Lachen, Regen, Sonne. Mein Sohn war überfordert von der Lautstärke, und ich erklärte ihm: „Hier feiern Menschen die Liebe – einfach so, wie sie ist.“ Er antwortete:
„Egal wer wen liebt, Liebe bleibt doch immer gleich.“
Dieser Satz krachte in mein Herz. Und er wurde der Anfang für die Zehn Gebote der Menschlichkeit – Gedanken, die mich seitdem begleiten.
Diese zehn Schritte Richtung Menschlichkeit begleiten mich seit Hamburg ganz oft. Ich glaube fest daran: Veränderung ist möglich – durch jeden einzelnen von uns, an jedem einzelnen Tag. Egal wie klein, egal wie verborgen. Deshalb denke ich: Ja zu mehr Veränderung, egal wie groß sich die Selbstzweifel aufblasen.
Das Gute, egal wie verschwindend klein und unsichtbar, besitzt die Kraft zu wachsen. Genau das verrät uns auch der Blick in die Krippe auf das Kind. Morgen feiern wir Weihnachten. Das Versprechen auf Veränderung! Im Kleinen wie im großen beginnt sie hier. Sie fängt bei uns an. Sie wird durch uns zum Geschenk. Zum Weihnachtsgeschenk. Vielleicht legen wir wieder öfter diese Art Geschenk unter unsere Christbäume. Ein Tag ist noch Zeit. Das ist zu schaffen und kostet fast nichts. Macht das Gute zum Geschenk für euch und andere.
Stephanie Kammer
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