Freywalde – das Tabu mit sieben Namen

Türchen Nr. 5 • HeimatAdventsKalender der BücherKammer

Denkmal in Freywalde
Ein Denkmal in Freywalde erinnert heute an die getöten Männer des 22.04.1945

In Freywalde galt der Serbe als freundlich. 1945 verrichtete er dort Zwangsarbeit, lachte, sprach ein paar Brocken Deutsch. Ein Mensch mitten im letzten Kriegschaos, glaubt man. Niemand ahnt, dass er eines Nachts das Gewehr heben wird. 

 

Es ist die Nacht vom 22. auf den 23. April 1945. Noch bevor die Russen einrücken, fallen immer wieder Schüsse. Kurz, dumpf, dann Stille. Am Morgen ruft eine alte Frau durchs Dorf: „Kommt bloß, kommt!“ Auf den Höfen liegen sieben Männer – einer am Kompost, einer am Denkmal, einer im Graben. Die 19-jährige Christfriedel Krüger läuft hin, sieht die Körper, die leblosen weit aufgerissenen Augen.

 

Die Russen verbieten, sie auf dem Friedhof zu beerdigen. Also wickeln die Alten die Toten in Laken, heben ein großes Loch aus, schaufeln schweigend. Ein Vater senkt seinen Sohn in die Erde. Ein Stück Menschlichkeit am Abgrund.

 

Der Serbe wird später fortgebracht. Auch in anderen Dörfern soll er getötet haben. Warum, weiß keiner mehr genau. Vielleicht Wahn, vielleicht Rache, vielleicht das, was Krieg mit den Seelen macht. Die Leute sagen lange, es seien „die Russen“ gewesen. So war es leichter. Doch die Oma von Christfriedel hat gesehen, dass der Serbe schoss. Und das Dorf wusste es – und schwieg trotzdem. Jahrzehntelang. Erst viel später steht ein Stein am Weg, ein Denkmal gegen das Vergessen.

Das Böse trägt manchmal ein freundliches Gesicht. Wer Unrecht schweigend duldet, macht es stark. Hinschauen, benennen, erinnern – das ist unser Rückgrat, damals wie heute.

 

Thomas Globig hat diese Geschichte festgehalten. Für den Heimatkalender 2026.

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