Feuer, Speck und ein Wodka mit den eigenen Henkern

Türchen Nr. 1 • HeimatAdventsKalender der BücherKammer

Siegfried Fischer als Junge Anfang der 1940er-Jahre
Siegfried Fischer als Junge Anfang der 1940er-Jahre

Am 22. April 1945 hat Siegfried Fischer Geburtstag. Fünfzehn Jahre – kein Alter für Helden, eher für Fahrradträume und erste Mädchengeschichten. Doch in Wiederau knattern Panzer, kein Vogel singt. Krieg heißt: Leben retten oder Leben verlieren. 

Die Mutter kauert im Haus, der Großvater, seit Jahren bettlägerig, hustet. Draußen brüllen russische Stimmen. Seit Wochen warnt der Volksempfänger „Die Russen sind Tiere“ und Goebbels krächzt im Radio noch immer was vom „Endsieg“.

 

Zwei bewaffnete Rotarmisten stehen plötzlich in der Tür. Sie deuten in die Richtung von Siegfried: Der Junge soll mitkommen. Im Wald zeigen sie mit den Gewehren auf ein verlassenes Haus. „Geh rein!“, sagen ihre Gesten. Er versteht sofort. Er soll vor. Wenn da drinnen jemand lauert, vielleicht bewaffnet, trifft es ihn. Er atmet flach, läuft mechanisch, sein Blick durchmisst die Zimmer. In Siegfrieds Kopf: Schwindel aus Staub und Schatten. Niemand. Entwarnung. 

Ein Soldat winkt ihn ran. Ein Feuer knistert bald. Einer schneidet Brot, einer Speck, einer kippt Wodka in einen Blechnapf. Sie stoßen an. Lachen laut. Siegfried trinkt und gehört jetzt irgendwie zu ihnen. Der Wodka brennt, betäubt, macht alles unwirklich.

 

Als sie ihn heimbringen, fällt seine Mutter ihm um den Hals. Sie hatte ihn schon totgeglaubt. Er selbst weiß: Das Leben kann jederzeit kippen. Und manchmal verbrüdern sich jene mit dir, die dich gerade noch geopfert hätten.

Wer seine Geschichte kennt, macht die Gegenwart besser.

 

 

Ein bewegender Beitrag von Thomas Globig zum Kriegsende in der Region im neuen Heimatkalender.

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